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Jahrgang 2015 Nummer 51

Die »Berchtesgadener War'«

Eine jahrhundertealte, lebendige Handwerkskunst im Talkessel von Berchtesgaden

Beliebter Berchtesgadener Weihnachtsschmuck: das Arschpfeifenrössl.
Stefan Graßl beim Schnitzen eines Arschpfeifenrössls.

Zu Weihnachten hängen sie am Christbaum: Arschpfeifenrössl, Fatschenkind, Schlitten, Stern, Pfau, Hühnerstall, Engerl, Wiege, Leiterwagen, Radlbock, Pfeifenvogel oder Steckvogel, Vogelhäuschen, Spanschachtel, Holzspielzeug und vieles mehr – wunderschön farbenprächtig bemalt oder in der Natürlichkeit des Holzes erzählen sie von der jahrhundertealten Tradition eines Kunsthandwerks – beheimatet im Talkessel von Berchtesgaden.

Nicht schon immer ziert diese Ware den Christbaum als Weihnachtsschmuck. Ursprünglich entsteht diese Arbeit aus der Notwendigkeit heraus, sich in der Landwirtschaft des wahrscheinlich schon 12. Jahrhunderts – als von einem »Nithardos tornator (Drechsler) de Pertherskaderne« und 1393 von einem Ulrich dem Schnitzer die Rede ist, mit einem Zuerwerb das Auskommen zu sichern. Wegen des ungünstigen Klimas und karger Böden reicht das Einkommen aus der Landwirtschaft kaum für das Überleben der Bauern und sie schaffen sich mit der Anfertigung verschiedenster Holzgegenstände für Haus und Hof einen einträglichen Zuverdienst.

Die Handwerksordnungen des 16. Jahrhunderts – 1535 erlassen von Fürstprobst Wolfgang Leonberg – beschreiben Drechsler, Schindel- und Löffelmacher, auf 1581 datiert sich eine Ordnung für Pfeifenmacher; 1637 folgt der Schnitzer und schon 1556 wird von der Zunft der Schachtelmacher berichtet. Das meist bunt bemalte Spielzeug – wie Truhen, Möbel, Kutschen, Reiterl, Docken (Holzpuppen), Vögel und Pfeiferl – entwickelt sich im Laufe der Jahre zum wohl beliebtesten Exportartikel. Einige Berchtesgadener Protestanten – damals aus ihrer Heimat vertrieben – lassen sich im Nürnberger Raum nieder und gelten als die Mitbegründer der Nürnberger Spielwarenindustrie. Als Massenartikel der Berchtesgadener

Handwerkskunst gehen die Erzeugnisse nach ganz Europa, ja sogar nach Übersee, wobei der Export dieser Waren als Privileg einigen wenigen Berchtesgadener Verlegerfamilien obliegt. Viel bescheidener spielt sich der Handel mit der Berchtesgadener Handwerkskunst im näheren Umkreis ab. Die Kraxentrager trugen die Ware über das Land – der wohl bekannteste, Anton Adner, starb 1822 im hohen Alter von 117 Jahren. Mit 641 selbstständig arbeitenden Holzhandwerkern bedeutet wohl das Jahr 1805 den Höhepunkt dieses blühenden Gewerbes im Talkessel von Berchtesgaden. Kaum vorstellbar kann 1815 ein Handwerker mittels eines von ihm erfundenen mechanischen Apparates in einer Woche 20 000 kleine Schachteln herstellen. Jedoch beginnt jetzt ein Rückgang mit dann schon nur mehr 308 Beschäftigten im Jahre 1882 in den verschiedenen Sparten.

Eine schon 1840 gegründete Zeichenschule sollte eine handwerkliche Vervollkommnung der Hersteller erreichen. Von Anfang an koppelt sich an den Besuch dieser Schule die Zulassung zum selbstständigen Betrieb des Handwerks der Drechsler, Schnitzer und Spielwarenfertiger. (Die Schule ist heute bekannt unter »Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei des Landkreises Berchtesgadener Land«.)

In unseren Tagen bietet die Berchtesgadener Handwerkskunst nach wie vor ein breitgefächertes Angebot an Holzwaren nach jahrhundertealter, bis heute lebendiger Tradition. Ungebrochen der Reiz, den die Handwerkskunst durch kunstverständige und einfühlsame Weiterentwicklung ausübt. Zugrunde liegt der Arbeit das Verständnis um die richtige Auswahl des Grundproduktes Holz. Das Aussuchen und Lagern der für diese kleinteilig- feine Holzkunst benötigten Schnittware legt den Grundstock für den Erfolg. Stefan Graßl aus der Ramsau hat den Blick dafür und verwendet viel Zeit und Mühe, die richtige Ware zu finden. Als einer der Wenigen übt er mit seiner Frau die Kunst dieses Handwerks mit der Erzeugung der »Berchtesgadener War« aus. Alle benötigten Teile von Hand vorbereitet, geschnitzt, zusammengeleimt und von Hand bemalt; das G’schabert (Schaberbandl) in hauchdünnen Streifen gehobelt, gefärbt und mühsam gebügelt. In der kleinen Werkstatt entsteht Stück für Stück zur Freude nicht nur für strahlende Kinderaugen, die an Heiligabend den Christbaum bestaunen.


Rosi Fürmann

 

51/2015