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Jahrgang 2002 Nummer 51

Das Leben des Anton Cajetan Adlgasser

Zum 225. Todestag, des bedeutendsten Chiemgauer Komponisten aus Inzell

In diesem Haus im Inzeller Ortsteil Niederachen kam Anton Cajetan Adlgasser am 1. Oktober 1729 zur Welt. Er wurde Komponist sowie fürsterzbischöflicher Hof- und Domorganist in Salzburg, wo er am 21. Dezember 1777 starb.
Ein Blatt einer vierstimmigen Partitur von A. C. Adlgasser aus der Bayerischen Staatsbibliothek. Auch im Archiv der Klosterverwaltung der Benediktinerinnenabtei Frauenwörth/Chiemsee befinden sich noch einige Kompositionen. Die meisten Unterlagen sind in Salzburg.

Anton Cajetan Adelgasser, geboren am 1. Oktober 1729 in Inzell/Niederachen, gestorben am 21. Dezember 1777 in Salzburg. Adlgasser war das erste Kind des Lehrers, Organisten und Mesners Ulrich Adlgasser und der Maria Lederer. Im Dezember 1744 trat der 15-Jährige in die Grammatistae, die dritte Klasse der an die Salzburger Universität angeschlossenen Lateinschule, ein. Gleichzeitig wurde er zusammen mit seinem Bruder Joseph (1732-1762), dem späteren Stiftsorganisten von Laufen, in das fürsterzbischöfliche Kapellhaus aufgenommen. Hier erhielt er, wie den Statuten zu entnehmen, täglich zwei Stunden Unterricht in Gesang, Orgel, Violine und Italienisch »von den besten Meistern der Hochfürstl. Capelle« wahrscheinlich auch von Joh. E. Eberlin, »von dem er auch die Regeln der Setzkunst erlernet hat«. Bis 1746 sang Adlgasser in insgesamt sieben Schuldramen Eberlins. Am 19. Juni 1748 führen die Rhetores des Gymnasiums unter der Leitung Adlgassers in einer zweieinhalbstündigen Exhibitio comica ein (verlorenes) dramatisches Werk ihres Mitschülers auf, der ihnen bereits in der Absschlussklasse als Mitglied der Capella Archiepiscopalis galt. Am 4. Juli des gleichen Jahres erhielt Adlgasser mit erzbischöflichem Dekret das beim Abgang aus dem Kapellhaus übliche Ausmusterungskleid und ein Handgeld. Von 1749 (oder 1750) datiert die erste überlieferte Komposition, die Kantate Der Mensch, die Schwachheit und die Gnade.

Am 30. November 1749 wurde Eberlin Hofkapellmeister. Ihm folgte im Juni 1750 Adlgasser zuerst als Domorganist, dann am 11. Dezember als Hof- und Domorganist nach. Die Aufgabe dieser Stellung beschrieb Leopold Mozart am 3. Septemer 1778 in einem Brief an seinen Sohn, als dieserr Nachfolger Adlgassers werden soll: »daß du bei Hofe (...) wie der seel: Adlgasser, wenn gesungen wird accompagnieren darfst. daß du nur die Hauptfeste im domb die Orgel spielen darfst«. Mit diesem Amt verband sich auch die Verpflichtung zur Komposition von Kirchen- und Kammermusik; diese Werke waren vom Komponisten selbst zur Aufführung zu bringen (erwähnt im Anstellungsdekret M. Haydns, als er W. A. Mozart in gleicher Funktion nachfolgte).

Am 21. September 1752 heiratete Adlgasser mit Maria Josepha Katharina Eberlin (1730-1755) eine Tochter des Hofkapellmeisters; Trauzeugen waren L. Mozart und der Hofbassist Joseph Nikolaus Meissner (1725-1795), der, da er Maria Cäcilia Barbara Eberlin (1728-1766) geheiratet hatte, Adlgassers Schwager war. Dieser Ehe entsprangen zwei Kinder, eines von diesen war »Victorl« (Maria Victoria Cäcilia, 1753-1821), die zusammen mit ihrer Tante, der Eberlin »Waberl« (Maria Barbara Gertrudis, 1740-1806), eine der besten Freundinnen Nannerl Mozarts wurde. Am 1. Juni 1756 ging der Witwer mit Maria Barbara Schwab (1728-1768), der Tochter eines Hofbeamten, seine zweite Ehe ein, aus der acht Kinder hervorgingen (nur zwei überlebten); Trauzeugen waren diesmal Eberlin, Meissner und L. Mozart. 1753 erhöhte sich das Monatsgehalt auf 18, 1756 auf 20 Gulden; dazu kam ein tägliches Wein- und Brotdeputat, das 1758 für 54 fl. jährlich abgelöst wurde. 1760 wurde Adlgasser zudem Klavierlehrer am Kapellhaus und Organist an der Dreifaltigkeitskirche, wofür er zusätzlich 54 fl. jährlich erhielt.

1754 entstand Adlgassers erstes Oratorium. Zwischen 1762 und 1772 bürgerte sich ein, dass alljährlich vom Landesfürsten ein Oratorium bzw. ein geistliches Singspiel und von der Univ. die Musik zu den in der Großen Aula aufgeführten Schuldramen bzw. Finalkomödien bei Adlgasser in Auftrag gegeben wurden. Mehrteilige Oratorien wurden aber gewöhnlich an drei Komponisten aufgeteilt, so z.B. die 1767 in der Residenz aufgeführte Schuldigkeit an W. A. Mozart, M. Haydn und Adlgasser. 1759 und 1762 erschienen zwei Klaviersonaten bei dem Nürnberger Verleger Johann Ulrich Haffner.

Ende Januar 1764 trat Adlgasser auf Wunsch und Kosten der sog. Privatschatulle von Fürsterzbischof Sigmund (III.) Graf von Schrattenbach (1698-1771; Reg. 1753-1771), eine einjährige Italienreise an, »damit er einen italienischen Geschmack in der Musik von den Italienern erwürbe«. In Begleitung seiner späteren (dritten ) Frau, die – ebenfalls auf Veranlassung des Landesherrn – eine Ausbildung zur Hofsingerin erhalten sollte, erreichte er zuerst Venedig. Im weiteren besuchte er u. a. Padua, Trient, Mantua, Verona, Mailand, Lodi, Parma, Bologna, Rom (wo er Papst Clemens XIII. zu Pfingsten, Fronleichnam und an Peter und Paul die Messe zelebrieren sah), nicht aber – wie geplant – Neapel (»a motivo dell’epidemia«), zum Abschluss wiederum Venedig. Zum Fasching (1765) war er wieder in Salzburg. Adlgasser hatte ein Begleitschreiben des Salzburger Domherrn und späteren Fürstbischofs von Trient, Peter Michael Vigil Graf von Thun-Hohenstein, bei sich. In Parma kam es zur Begegnung mit dem Komponisten G. Colla, in Bologna mit Padre G. B. Martini; dem am 4. September 1776 L. Mozart berichtet: »e ne son quivi altri due bravißimi Contrapuntisti, sio è il Sgr: Haydn e Adlgaßer«.

Am 6. April 1766 wurde im Hoftheater der Residenz Adlgassers (einzige) Festoper La Nitteti (Text nach Metastasio) aufgeführt, die im gleichen Jahr und 1768 mehrmals wiederholt wurde. 1767 war Adlgasser Gutachter für die Erneuerung der Orgel der Universitätskirche durch den Hoforgelmacher Johann Rochus Egedacher. Ab spätestens 1770 erhielt Adlgasser die Ehre der Hoftafel (nach 1772 abgelöst durch 100 fl. jährlich). Die Summe von 450 fl. jährlich bezog dann 1779 auch Adlgassers Nachfolger Mozart als Gehalt.

Am 17. Juni 1769 erfolgte Adlgassers dritte Eheschließung mit der Hofsängerin Maria Anna Fesemayr (1743-1782), mit den Trauzeugen Nikolaus Strasser (einem Hofgerichtssekretär, der durch seine Ehe mit der Hofsängerin Maria Frabcisca Veronica Eberlin (1735-1766) mit Adlgasser verschwägert gewesen war) und L. Mozart (mit seinem Sohn Wolfgang filio suo Wolfgango Sponsae Paranympho«, wie das Trauungsbuch vermerkt) sowie Meissner und dem Hoftenoristen Franz Anton Spitzeder (1735-1796). Die Ehe bleibt kinderlos. Maria Anna Fesemayr war zur Ausbildung als Sängerin bis Dezember 1765 in Venedig geblieben. Nach ihrer Anstellung als Hofsängerin kreierte sie u. a. in Mozarts Schuldigkeit den Welt-Geist und 1769 in der Finta semplice die Ninetta.

1772 begrüßte Adlgasser den Regierungsantritt von Fürsterzbischof Hieronymus Franz de Paula Graf von Colloredo-Wallsee (1732-1812; Reg. 1772-1803) mit einer Dedicatio & Sinfonia, die im musikalischen Part der am 2. und 4. September 1772 uraufgeführten Finalkomödie Pietas in hospitem wiederkehren wird.

Am Sonntag, dem 21. Dezember 1777, erlitt Adlgasser während der Vesper auf der Orgelbank im Dom eine Gehirnblutung. Die detaillierte Schilderung findet sich in einem Brief L. Mozarts an Frau und Sohn in Paris (22. Dezember 1777). Adlgasser starb am gleichen Abend. Beigesetzt wurde er zwei Tage später im Familiengrab zu St. Sebastian. Das Grab existiert nicht mehr. Seine Privatschüler, darunter die Nichte des Fürsten, übernahm L. Mozart, den Klavierunterricht im Kapellhaus Spitzeder; Nachfolger im Amt wurde 1779 für zwei Jahre W. A. Mozart, in der Dreifaltigkeitskirche M. Haydn.

Von Adlgasser ist kein Portrait überliefert; Wesenszüge sind aus der Mozart-Korrespondenz zu erschließen, denn auf Reisen herrschte brieflicher Kontakt, mit Leopold Mozart auch Interesse an Kompositionen. Das Verhältnis zum Menschen Adlgasser, der lange in der Getreidegasse ein paar Häuser weiter gewohnt hat, war ein zwiespältiges, der Musiker aber fand uneingeschränkte Anerkennung: »Adlgasser ist todt, wir sind ohne guten organisten«. Für die spezifischen Gattungen der Klassik – nämlich Solokonzert, Serenade und Divertimento, die Kammermusik in allen Ausformungen – ist kein Werk überliefert. Adlgassers Schaffensgebiet waren die komplexen, repräsentativen Formen von Messe und Requiem, Vesper und Litanei, Oper, Schuldrama und Oratorium. All diesen hat Fürsterzbischof Colloredo den Reform- und Sparstift angesetzt. »Die Oratorien und Schuldramen zeigen alle Merkmale der neapolitanischen Opernschule, namentlich der älteren, und (nach 1765) die Formexperimente der jüngeren« (C. Schneider 19 31, S. 64). Etliche der großen Kirchewerke (Requien, Vesper, Litaneien) wurden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in Abschriften verbreitet und aufgeführt. Große Wertschätzung fand das Canticum »Benedicite« (drei Fassungen, u. a. verwendet im Passionsoratorium). Adlgassers zahlreiche Deutsche Offertorien (in mehreren Abschriften verbreitet »Ewige Gottheit« aus P. Florian Reichssiegels (1735-1793) Pietas in hospitem, 1772 auf dem Universitätstheater aufgeführt) verwenden die Landessprache, noch ehe die Reformen unter Colloredo diese auch im liturgischen Bereich vorschreibt; es sind aber noch keine Kirchenlieder im Sinne des späteren Volksgesanges. Die fünf sog. Regensburger Sinfonien, deren Entstehung nach dem deutlich spürbaren Einschnitt anzusetzen ist, den die einjährige Studienreise nach Italien 1764/65 für die künstlerische Entwicklung (d.h. den Prozess der Lösung von der lokalen Dominanz des Lehrers Eberlin) darstellt, zeigen eine enge Anlehnung an die zeitgenössische italienische Opernsinfonie, ihre Instrumentation blieb jedoch Salzburger Gepflogenheiten verpflichtet. Die in der Mitschrift mehrerer Schüler überlieferten theoretischen Werke sind Dokumente der umfangreichen Lehrtätigkeit und belegen zugleich die Tradition der berühmten Salzburger Organistenschule.

Wie M. Haydn hatte auch Adlgasser enge Bindungen zu den Klöstern der Stadt (St. Peter, Nonnberg) und erhielt mehrfach Kompositionsaufträge von auswärtigen. P. Werigand Rettensteiner (1751-1822) aus Michaelbeuern, einer der besten Freunde M. Haydns, kopierte eigenhändig zwischen 1770 und 1775 Werke Adlgassers. Im Mai 1765, anlässlich der Durchreise von Maria Josefa (Antonie) von Bayern (1739-1767, Tochter Kaiser Karls VII., zweite Gattin Kaiser Josephs II.) nach Wien, weilte Adlgasser im Benediktinerstift Lambach, dessen Bestand an Kirchenmusik, ebenso wie der des nahegelegenen Stifts Kremsmünster, Unikate aufweist. Wenige Wochen vor seinem Tode stattete Adlgasser, in Begleitung seiner Frau, dem Kloster Seeon am Chiemsee, das in seinem (bei der Klosteraufhebung untergegangenen) Musikbestand eine Reihe von Werken bewahrte, einen Besuch ab.

WR



51/2002