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Jahrgang 2005 Nummer 48

»Dank sei Gott für Süeß und Sauer«

Unheilvolle Salzburger Jahre der Ordensfrau Maria Hueber

Das Lebensmotto kann nur von einem originellen, einem begnadeten und religiösen Menschen stammen: »Gott sei Dank für alles, für Süeß und Sauer!« Maria Hueber (1653 bis 1705) war zweifellos eine Ordensfrau, die sich aus ihresgleichen heraushob. Gottergeben, pflegte sie, gerade erst selbst von schwerer Krankheit genesen, hingebungsvoll ihre todkranke, betagte Mutter. Vorbildlich ertrug sie Mühsal, Demütigungen und Anfechtungen eines entbehrungsreichen Lebens. Sie hatte sich schon in jungen Jahren vom Geist des großen Ordensgründers des Mittelalters, Franziskus von Assisi, leiten lassen. Vor drei Jahrhunderten im südtirolischen Brixen, ihrer Geburtsstadt, gestorben, stand Maria Hueber bereits zu Lebzeiten im Ruf der Heiligkeit. Ihre Grabstätte am Nordportal der Brixener Klarissenkirche ist noch heute stark frequentiert. Viele Fromme schmücken sie das ganze Jahr über. Gebetserhörungen werden Maria Huebers Fürsprache bei Gott zugeschrieben. Das Mutterhaus der Tertiarschwestern des heiligen Franziskus zu Brixen nimmt neue Gebetserhörungen jederzeit entgegen.
»Gottselige Mutter Anfängerin«

In einem winzigen Zimmer in der Brixener Runggadgasse gründete im Jahre 1700 Maria Hueber, nicht ohne dabei enormen Schwierigkeiten zu begegnen und zu trotzen, im reifen Alter von 47 Jahren nach eingeender Beratung mit ihrem Beichtvater die erste unentgeltliche Mädchenschule des Landes. Einige Monate zuvor hatte sie – gemeinsam mit ihrer Mitschwester Regina Pfurner – in der Klarissenkirche die öffentlichen Gelübde abgelegt und von da an mit Regina Pfurner ein klosterähnliches Leben geführt. Die »gottselige Mutter Anfängerin der Tertiarschwestern vom heiligen Franziskus in Brixen« gilt als Gründerin der Tertiarinnen Südtirols.

Wilhelm Egger, amtierender Bischof von Bozen-Brixen, spricht immer wieder von Maria Hueber als einem
»exemplarischen Menschen« mit weit ausstrahlender Vorbildfunktion. Gerade »im heutigen Erscheinungsbild der Kirche« gewänne ihre Ausnahmestellung neues Gewicht. Der Südtiroler Oberhirte bedauert es, dass trotz vieler Vorbereitungsarbeiten, zurückgehend auf einen Beschluss der Tertiarschwestern des heiligen Franziskus, den Seligsprechungsprozess einzuleiten, sich bisher noch kein Erfolg abgezeichnet habe. Bischof Egger ruft zur Nachahmung des heiligmäßigen Lebens der höchst verehrungswürdigen Ordensgründerin Maria Hueber auf, einer Frau, »auf die Gott offensichtlich seine Hand gelegt« habe.

Wie von der Vizepostulatorin der Kongregation der Tertiarschwestern des hl. Franziskus, Carla Palla, zu erfahren ist, wurde das Diözesan-Seligsprechungsverfahren 1998 abgeschlossen. »Die Positio liegt jetzt in Rom und ist als positiv betrachtet worden. Sie muss nun von den neun theologischen Consultoren, die erst ernannt werden müssen, begutachtet werden. Hierauf folgt die öffentliche Erklärung der Heroizität der Tugenden der Maria Hueber. Nach diesem Akt muss ein Wunder vorgelegt werden, das bis jetzt noch nicht geschehen ist. Wir beten, hoffen und warten«.

Dunkelstes Lebens-Kapitel: Salzburg

Von der am 22. Mai 1653 geborenen Maria Hueber wissen wir, dass ihre Eltern Nikolaus und Anna Tappin hießen, der Vater kurz nach ihrer Geburt Soldat wurde und nicht mehr aus dem Krieg zurückkehrte, sie selbst schon als junges Mädchen ihrer Mutter bei Näh- und Flickarbeiten half, um den Lebensunterhalt für sie beide zu bestreiten und dass sie anschließend als Dienstmädchen arbeitete: in Brixen und Bozen zuerst, später in Innsbruck und anschließend in Salzburg.

Weder ist klar, weshalb Maria Hueber »nach geraumer Zeit« Brixen verlassen und sich in Innsbruck als Dienstmagd verdingt hatte, noch weiß man bisher, warum sie diese Stelle schon bald wieder verließ, um in Salzburg eine neue anzunehmen. Auch die 1995 erschienene, soweit bekannt bisher einzige, reich bebilderte Schrift über Maria Hueber von Josef Gelmi äußert sich dazu nicht. Hier ist allerdings Aufschlussreiches über den Salzburger Aufenthalt zu lesen. Hierher kam Maria in den 1770er Jahren. Sie verdingte sich »bei einer vornehmen Familie«, wie Regina Pfurner notiert hatte. Hier gab es – im Gegensatz zu ihrem vorherigen Posten – viel zu tun. Der Lohn für harte Arbeit war karge Kost. Maria soll dies geduldig ertragen haben; konnte sie sich doch dadurch, wie sie sich getröstet haben soll, »in der Abtötung üben«. Dennoch kündigte sie diese Stelle wieder und nahm eine andere, ebenfalls in Salzburg, an. Josef Gelmi: »Dabei geriet sie aber vom Regen in die Traufe. Obwohl es sich wieder um eine vornehme Familie handelte, wurde sie sowohl von den Familienangehörigen als auch von den Bediensteten mehr gehasst als geliebt. Die Ursache lag darin, dass Maria ein ganz anderes Leben führte als die Familienmitglieder und das… Gesinde. In kurzer Zeit stauten sich Widerwille und Wut gegen die Brixnerin derart, dass ein Diener, der sich auf Zauberei verstand, eine ‘gwise Hexerey’ oder ein teuflisches ‘Zauber-Gespuhr’ vorbereitete. Wäre Maria nichts ahnend darauf oder darüber getreten, hätte sie eine Verstümmelung an allen Gliedern davon getragen. In diese teuflische Falle geriet aber ausgerechnet jenes Dienstmädchen, das der Bösewicht am liebsten hatte. Und siehe da, es war, wie Schwester Regina (Pfurner, d. Verf.) berichtet, am ganzen Leib ‘erkhrumppet’«.

Der hinterhältige Bedienstete, enttäuscht von seinem Fehlschlag, stellte sich in der Folgezeit freundlich, stahl sich an Maria heran, tat ihr schön und heuchelte ihr vor, ein neues Leben beginnen zu wollen. Hierzu benötige er aber, wie er sagte, ihre Hilfe. Sie möge ihm doch ihr ständig bei sich getragenes »Breverl«, ein mehrfach wirksames Amulett, bestehend aus allerhand Abwehrmitteln, Heiligenbildchen und gedruckten Kurzgebeten, verehren. Maria wandte sich darauf hin an ihren Beichtvater, der die Sache durchschaute und seiner »Tochter in Christus« ein »Agnus Dei« schenkte, das sie dem Schurken ersatzweise geben sollte. »Obwohl Maria mit Gottes Hilfe all diese Gefahren überstanden hatte, war sie in Salzburg immer kränklich«, weiß Josef Gelmi, »so dass sie nach Brixen zurückkehrte«. Hier erfuhr sie, kaum angekommen, dass man den verschlagenen Diener in Salzburg vor Gericht gestellt hatte. Er gestand, der Brixnerin absichtlich nach dem Leben getrachtet zu haben. Das geweihte »Breverl« habe dies jedoch verhindert.

Treue und Reinheit des Herzens

Zum Ordensstand fühlte die mehrfach Geplagte, Gedemütigte und Gebrechliche sich bereits als junge Frau stark hingezogen. In der Südtiroler Adeligen Maria Katharina von Enzenberg fand Maria Hueber eine Förderin und Gönnerin, die ihr ein Leben in beschaulicher Zurückgezogenheit ermöglichte. Maria Hueber starb, nach langem, schwerem Leiden, am 31. Juli 1705. Zwei Aussprüche kennzeichnen die angesehene, einem laienhaft-kontemplativen Leben hingegebene Ordensfrau besonders: »Die Gnade des Heiligen Geistes sei mit uns und wirke in uns große Dinge zu seiner größeren Ehre!« sowie »Der liebe Gott richte alles nach seinem Willen!«

Fingerring und Blumensträußchen

Das anonyme barocke Ölgemälde vom Mutterhaus der Tertiarschwestern-Kongregation in Brixen, das einen hier noch heute erhältlichen Gebetszettel und ein schmales Heftchen mit einer Novene schmückt, zeigt Maria Hueber in Ordenstracht, bekrönt von einem Kranz aus sieben rosa Rosen. Die linke Hand als Zeichen der Demut an die Brust gelegt, hält ihre rechte ein Betrachtungsbuch. Auf ihm steht fröhlich das Jesuskind, Sandalen an den Füßchen, ein langes weinrotes Kleid tragend und seine Augen hoffnungsvoll auf diejenigen der schönen Ober-Tertiarin gerichtet. Symbolisch sind wohl die beiden Gegenstände gemeint, die der Christusknabe – eine Art »himmlisches Trösterlein« – seiner Trägerin entgegenhält: Fingerring und Blumensträußchen, Sinnbilder für Treue und ewige Verbundenheit sowie für Lauterkeit und Reinheit des gläubigen Herzens.

Vielfältige Frucht

Mit Stolz ist in dem schönen Novenen-Heftchen am Schluss vermerkt: »Der bescheidene Anfang, den Schwester Maria Hueber in der Runggadgasse machte, entfaltete sich und brachte vielfältige Frucht.« So wurde schon sieben Jahre nach dem Heimgang der Ordensgründerin ein Parallelhaus in Bozen, 1723 eines in Kaltern eröffnet. Die drei Klöster in Brixen, Bozen und Kaltern gelten als »Mutterhaus« der Tertiarschwestern des hl. Franziskus in Südtirol. Zum selbstständigen Mutterhaus wurde das 1856 gegründete Mühlbacher Herz-Jesu-Institut dann im Jahre 1865. Von Kaltern gingen 1924 die ersten Schwestern nach Bolivien, um zu missionieren. Die Niederlassungen der Tertiarschwestern in Nord- und Osttirol wurden zu einer Provinz mit Hall als Zentrum erklärt. Seit sich 1929 die vier Gemeinschaften von Brixen, Bozen, Kaltern und Mühlbach zusammengeschlossen hatten, gilt Brixen als Mittelpunkt der Kongregation. 1935 gingen von hier aus Missionsschwestern nach Kamerun. Lehre, Erziehung und Pflege, auch Körper- und Geistigbehinderter, zählen noch heute zu den wichtigsten Aufgaben der »Maria Hueber-Schwestern«. Auch sie danken damit, wie ihre fromme Gemeinschafts-Gründerin, Gott für alles, »für Süeß und Sauer«.

MG

Literatur:
Josef Gelmi: »Maria Hueber. ‘Mutter Anfängerin’ der Tertiarschwestern des hl. Franziskus in Brixen«, Kehl 1995. »Maria Hueber – Bitte, hilf mir!« Novene, Kehl 1995. Geistliche Schriften mit dem Bildnis von Schwester Maria Hueber: Gebetszettel, Novene, Brixen o. J.



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