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Jahrgang 2015 Nummer 27

300 Jahre Heiliges Haupt in der Pfarrkirche Siegsdorf

1715 ließ Pfarrer Schübin den neuen Altar errichten – Teil I

Das Heilige Haupt in der Pfarrkirche Siegsdorf (Alle Bilder: Markus Döpper)
Das Deckengemälde zeigt den Stadtbrand von Traunstein
Wahre Abbildung des Schmerzhafften Haubt Christi zu Siechßdorff, Kupferstich von Franz Schaur in Salzburg von 1725
Das Deckengemälde zeigt die Verlegung des Heiligen Hauptes in die Kirche zu Unserer Lieben Frau zu Obersiegsdorf (Vorgängerkirche der jetzigen Pfarrkirche)

Wer schon einmal in Altötting, dem größten Wallfahrtsort in Bayern, war und sich mit Aufmerksamkeit in der Gnadenkapelle umgesehen hat, dem wird neben den in Gold und Silber gefassten Herzen der bayerischen Könige, den goldenen Rosen von Papst Benedikt XVI. und den vielen anderen Votivgaben auch ein großes Gemälde über dem rechten Seitenausgang auffallen. Dieses Votivbild zeigt den verheerenden Stadtbrand von Traunstein im Jahr 1704 und trägt die Inschrift: »Gelöbnistafel der Bürgerschaft Traunsteins in Folge des während des Spanischen Erbfolgekrieges am 23.08.1704 durch österreichische Kriegsvölker unter General Guttenstein angelegten Brandes. – Erneuert 1862«.

Dieses tragische Ereignis sollte für Siegsdorf eine ungeahnte Bedeutung erlangen.

Es ist die Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714). Am 25. Juni 1704 zogen zunächst kaiserliche Husaren in Traunstein ein. 14 Tage lang mussten 8000 Mann verköstigt werden, was viele Bürger an den Rand des Ruins brachte. Am 22. August 1704 zogen die regulären Truppen aus Traunstein ab. Zurück blieb das raubund plünderungssüchtige Gesindel des Oberst von Wetzel. Das Ausmaß der Zerstörung beschreibt das Schreiben der Stadtväter von Traunstein an den Kurfürsten: »Unangesehen dessen, aber ist Freytag, den 22. August verwichen, under dem Kommando des kaysl. Obristen Wetzel die unglicksellige Statt Traunstein mit etlich tausend Man daß anderte Mall yberfallen und nit nur allein mit hartten Preßurn sehr gefugstiget, sondern auch dieser vohlkreiche Orth noch selbige Nacht zwischen 12 und ain Uhr an underschiedlichen Orthen angezündt und daß Prennen dermassen unbarmherzig vortgesetzt worden, daß neben den beeden großen Salz- und Traidtstädln gegen Haslach werts, die ganze Stadt von dem oberen bis zu dem undern Thor, sambt dem neuerpauten schönen Gottshaus und all andern Gepeyen dergestalten laider in die Aschen gelegt worden, daß nit die geringste Wohnung darin salviert werden können. Welches der armen Bürgerschafft und Inwohnern umb soviel mehrers erschröckhlich und schmerzlicher, weillen die feindtlichen Soldaten in grosser Menge auf allen Saitten ausser der Statt den armen flichtigen Laithen vorgewartet, selbige bis auf den letzten Kreizer völlig beraubt und noch dazue sehr thiranisch tractiert haben, daß allso nit woll khann ausgesprochen werden, was die arme Bürgerschaft mit ihren Weib und Khindern für Jammer und Elend ausgestanden und bey so gestallter Ursachen noch weiters in Gefahr und Sorgen stehen muß«.

Ein Motiv für diese Greueltat lässt sich aus den Akten und Schriften nicht finden. Es gibt aber Hinweise darauf, dass es sich hierbei um einen Racheakt für einen Überfall auf einen österreichischen Geldwagen bei Siegsdorf handelte. Unter den Wegelagerern sollen sich auch einige Traunsteiner befunden haben. So besteht bereits hier schon ein Zusammenhang zwischen Siegsdorf und dem Stadtbrand. Wer hätte sich damals vorstellen können, dass diese schaurige Szene einer brennenden Stadt einmal sogar ein ganzes Deckengewölbe (10,50 m x 13,45 m) einer Wallfahrtskirche als Fresko ausfüllen würde? Und wer würde schon bei Schutt und Asche an ein Wunder denken – an das Wunder von Traunstein, aus dem später das Wunder von Siegsdorf werden sollte?

Wolfgang Daxenbacher, Bauer und Zimmermann von Daxbach, Gemeinde Siegsdorf, war unter den vielen Männern, die vom Pfleggericht Traunstein aus allen Gemeinden zum Abräumen von Schutt und Asche und zum Wiederaufbau der Stadt aufgerufen wurden. Bei seinem Arbeitsdienst findet er etwas unversehrt Verschüttetes.

Und damit beginnt die Geschichte des Heiligen Hauptes von Siegsdorf. In einem gedruckten Bericht von 1785 heißt es: »Die Bildnis des heiligen Haupts, so wie es anjetzo zu sehen, war vorhin ein ordentliches Crucifix, welches zu Traunstein außenher an der Kirche unter einem Schwingbogen nächst der Corporis Christi Bruderschafts-Sakristey gehangen; nachdem aber bey dem Anno 1704 geschehenen feindlichen Einfall nicht allein die ganze Stadt, sondern auch das schöne Gotteshaus allda gänzlich abgebrennet worden, hat das wüthende Feuer, wiewohl zu erachten, auch ermeldtes Crucifix ergriffen, und bis auf jenen Theil, welcher hier vorgebildet ist, nebst dem Kreuz, woran es gehangen, verzehret, und obwohl die Hitz von einem so entsetzlichen Brand der ganzen Stadt ungemein groß, die Kirchmauer auch völlig erhitzet war, dergestalten, daß die Farben von dem Angesicht dieser Bildniß hinweggesprungen, ist doch das Heilige Haupt in Gestalt, wie es heutigen Tags von den andächtigen Christen verehret wird, unversehrt geblieben, also, daß nicht allein die dörnerne Kron, so doch ganz brinndürr war, nicht verbrennet, sondern auch das Angesicht, und die Brust dieser heiligen Bildniß vom Feuer nicht einmal schwarz gemacht worden ...«.

Die wenigen Berichte die es gibt, stimmen in Bezug auf den Finder nicht ganz überein. Einmal heißt es, er habe es gefunden, es wurde gefunden, dann wiederum ein Priester habe es gefunden; Fakt ist, dass Daxenbacher sich das Haupt erbeten hat und es bekam: »... durch eine andächtige Mannspersohn erbeten und bewahrt«.

Er war Mitglied in der Kreuztracht Siegsdorf und stellte nun das Haupt in seiner Wohnstube (Kammer) im Herrgottswinkel in Daxbach auf. Bis heute hat die enorme Ausstrahlung dieses Heiligen Hauptes viele Menschen tief berührt, und so muss es auch Wolfgang Daxenbacher gegangen sein, denn es heißt in den Berichten weiter: »Nachdem er solches durch den Maler etwas zieren, und demselben ein Manterl machen lassen, je länger, je mehr Veneration [Verehrung] verspürte, und aus innerlichem Antrieb verleitet wurde, des Tags öfters in seine Kammer hinauf zu gehen, und selbes mehrer zu betrachten. Es haben auch andere, so es in seinem Haus zu sehen bekommen, gleiche Andacht gefaßt, daß nun umliegend Jedermann begierig war, solches mit Augen zu sehen.«

Irgendwann wird ihm der Besuch der zahlreich kommenden Leute in seinem Haus wohl etwas zu viel geworden sein und so hing er das Heilige Haupt kurzerhand hinaus ins Freie an einen Baum. An diesem Baum geschah dann das Wunder von Siegsdorf. Was durch das Feuer schon verschont blieb, sollte auch durch das Wasser nicht zerstört werden. So wuchs in kürzester Zeit die Rinde des Baumes als Schutz um das Bildnis. Ein Baum gibt Zeugnis über den, der für uns vor 2000 Jahren »seinen Kopf hingehalten hat«. Es ist schon interessant, dass in den wenigen Berichten aus der Zeit von 1785 bis 1876 das Baumwunder komplett verschwiegen wird. Tatsache ist, dass auf dem ersten Andachtsbild – einem Kupferstich aus dem Jahr 1725 – das Heilige Haupt mit dem Holz (Rinde) abgebildet ist, wie es heute noch zu sehen ist. Unsere Vorfahren verstanden schnell, dass hier etwas Wunderbares im Gange war, und es setzte eine tiefe Verehrung zu diesem Ecce homo- Bildnis ein. Wolfgang Daxenbacher ist 89 Jahre alt geworden und am 25. Februar 1748 verstorben.(1)

»... vielmehr aber wünschte das Volk in der Kreuztracht sehnlich, diese ihnen so anmüthige Bildniß an einem Ort in der Kirche vor Augen zu haben.« Und so geschah es. Der Bitte wird vom zuständigen Seelsorger entsprochen und am 2. Juni 1712 kommt das Heilige Haupt in die Kirche St. Peter auf der Gam und wird dort an einem Pfeiler befestigt und zur öffentlichen Verehrung aufgestellt. Im Bericht von 1785 lesen wir weiter: »Ist von den hiesigen und anderen umliegenden Leuten große Andacht hierzu geschöpfet, und ein solcher Zulauf geworden, daß im Kurzen vieles Opfer von Wachs, Kerzen, Votivtafeln, Geld, Silber und dergleichen herbeygekommen, auch hierdurch nicht wenigen, so ihr Vertrauen daher genommen, große Gnaden und Gutthaten widerfahren, wofür diejenigen, denen absonderlich in Hauptschmerzen und dergleichen Zuständen augenscheinlich geholfen worden, nicht genugsamen Dank haben erstatten können.

Ja, die Devotion zu solchem Brustbild unseres gekreuzigten Heilandes wuchs dergestalten, daß sich die Kreuztracht Siegsdorf gegen den Pfarrer verlauten lassen und versprochen, dem Bild einen eigenen Altar auf ihre, der Kreuztracht Unkosten zu errichten. Besagter Pfarrer, Dr. Johann Schübin zu Vachendorf, bemühte sich denn auch durch Vermittlung des Archidiakons und Probstes Patrizius von Baumburg, dem die Pfarrei unterstellt war, beim fürsterzbischöflichen Konsistorium zu Salzburg um diesbezügliche Genehmigung, die am 25. Januar 1715 wirklich gegeben wurde. Darüber war viel Freude, sonderlich bey den Pfarrkindern in der Kreuztracht Siegsdorf.«

Siegsdorf war damals nur ein Vikariat der Pfarrei Vachendorf. Die Kirche St. Peter zu Untersiegsdorf war eine Nebenkirche, in der nur gelegentlich heilige Messen gelesen wurden. Offensichtlich ging aus der Genehmigung von Salzburg nicht klar hervor, in welcher Kirche der Altar errichtet werden sollte, darum ließ der zuständige Pfarrer von Vachendorf, Johannes Schübin, den neuen Altar für das Heilige Haupt in der Kirche zu Unserer Lieben Frau zu Obersiegsdorf (Vorgängerkirche unserer jetzigen Pfarrkirche) errichten, weil dort die täglichen Messen gelesen wurden. Aus heutiger Sicht eine glückliche Fügung, denn 1809 fiel St. Peter der Säkularisation zum Opfer und wurde abgerissen. Am 11. August 1715 fand wohl das bedeutendste Ereignis in der Geschichte von Siegsdorf statt. Das Heilige Haupt wurde von der Peterskirche in die Kirche zu Unserer Lieben Frau übertragen (dargestellt im Deckengemälde unserer jetzigen Pfarrkirche).

»... in großer volkreicher Prozession (fand) durch Se. Hochwürden und Gnaden den Herrn Archidiaconus Patrizius von Baumburg in Begleitung vieler Geistlicher die Übertragung dorthin statt, wo sodann der Archidiakon auf dem neuerrichteten Altar die erste hl. Messe zelebrierte, der ein solennes Amt mit Predigt und vielen Beimessen folgte. Schon bei dieser Übertragung wurden 550 wächserne Bilder, 42 gemahlene Votivtafeln, 2 silberne Rosenkränz, nebst vielen anderen Opfersachen von Silber gezählt.«

Im Jahre 1725 gab Pfarrer Schübin mit Genehmigung des Konsistoriums in Salzburg vom 7. September 1725 eine erste Beschreibung und Geschichte des Heiligen Hauptes heraus »mit vorgesetztem Küpferlein und samt ain und ander Gebettlein zu Christo, nachdem nun von solcher Zeit der Andachts-Eyffer dermassen zugenommen, daß nit allein die Umligente, sondern auch fern entlegene, sowoll vornemb als gemeine zu großer Anzahl teglich dahin in allerhandt anliegen ihr Vertrauen sezen und öfters das Herkommen dies Gnadtenbildtnis inquirieren«. Für das Jahr 1725 ist auch schon eine »Hl.-Haupt-Bruderschaft« nachweisbar, die aber ohne oberhirtlicher Bestätigung als »Meßbündnis« wirkte.(2)

Im Jahr 1731 werden bereits 17 000 Pilger gezählt. Zur gleichen Zeit bemühten sich Archidiacon und Propst Patrizius von Baumburg, Pfarrer Johannes Schübin und der Siegsdorfer Kooperator Joseph Gafues, der private Verbindungen nach Rom hatte, für die zum Heiligen Haupt Wallfahrenden vom päpstlichen Stuhl einen vollkommenen Ablass zu gewinnen – ohne Erfolg. Bei einer Begründung des Antrages in Rom heißt es u. a.: »Es hätten nicht nur mehrere Patres (Sacri operarii) von Baumburg aus exponiert werden müssen, um dem Andachtseifer der zuströmenden Wallfahrer zu genügen;...«.

In seinem Gutachten schreibt Propst Patrizius von Baumburg am 20. April 1731 von 18 000 bis 19 000 Wallfahrern.

Durch die vielen Pilger kommt nicht nur Geld in die Gemeinde, sondern es fallen auch Unkosten an.


Markus Döpper


Literatur:

Albert Rosenegger, »... waß uns durch Feur und Schwerdt aufgetragen worden«, in Chiemgau-Blätter Nr. 33 und 34, vom 14.08. und 21.08.2004.
Gründlicher Bericht von der gnadenreichen Bildniß des schmerzhaften Haupts Jesu Christi, gedruckt bei Jakob Lutzenberger, Burghausen 1785.
Ablaß-Büchlein, Buchdruckerei Miller, Traunstein 1876.
Geschichte und Statuten der Bruderschaft vom Heiligen Haupte, Oberbayer. Genossenschafts- Druckerei, Traunstein 1920.
Dr. Peter von Bomhard, Baugeschichte der Pfarrkirche Siegsdorf, Prien 1952.
Otto Kögl, Schulchronik von Siegsdorf, Hammer, Eisenärzt und Prüll (Vogling), Rosenheim 1958.

Anmerkungen:

1) AEM Pf. Siegsdorf Bd. 14, S. 50.
2) Pfarrarchiv Siegsdorf A 173/4-1.

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 28/2015


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