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Jahrgang 2007

Sprache für das Unaussprechliche

Die Glocken der Stadt Traunstein – Teil I

Blick in den mächtigen  Glockenstuhl von St. Oswald.

Blick in den mächtigen Glockenstuhl von St. Oswald.
Die beiden Glocken der Salinenkirche rechts die alte Barockglocke

Die beiden Glocken der Salinenkirche rechts die alte Barockglocke
Die große Haslacherin

Die große Haslacherin
Traunstein kennzeichnet eine eigene, individuell ausgeprägte Glockenlandschaft. Sichtbar wird dies an der Herkunft der einzelnen Glocken und Geläute. München und Salzburg waren jahrhunderte lang zentrale Herkunftsorte der vorhandenen Traunsteiner Klanginstrumente. Im 19. Jahrhundert kam an der Stelle von Salzburg Bad Reichenhall hinzu. Nach schweren Verlusten durch staatlich verordnete Zwangsablieferungen der Bronzeglocken im I. und II. Weltkrieg war besonders die Erdinger Glockengießerei für die Ergänzung und Schließung der entstandenen Lücken bedeutsam. Aber auch die Gegenwart setzte eindrucksvolle, akustische Akzente. Mit den jüngsten Neugüssen aus Innsbruck und Passau wird ein interessanter Querschnitt des zeitgenössischen Kunstschaffens sicht- und vor allem hörbar.

Glocken erreichen den Menschen in der Tiefe seines Fühlens und sprechen das Herz an. So klingen sie zu frohen Anlässen fröhlich, weil man mehr die Durakkorde heraus hört und zu traurigen Anlässen traurig, weil man mehr die Mollakkorde wahrnimmt. Glockenklang kann damit zur »Sprache für das Unaussprechliche« werden (Theo Fehn, Glockensachverständiger nach dem II. Weltkrieg).

In den Glocken – ihrer Musik, ihrer Geschichte und ihren Inschriften – begegnet der Interessierte dem Menschen in seinem Suchen nach dem Sinn des Lebens und der Frage: »Woher komme ich – wohin gehe ich«.

Überblick über den gegenwärtigen Glockenbestand im Gebiet der Stadtgemeinde Traunstein:

St. Oswald

Mit sechs Glocken ist das Geläute der Stadtpfarrkirche St. Oswald eines der mächtigsten des Chiemgaus. Es war darüber hinaus eines der ersten, welches nach dem II. Weltkrieg für eine deutsche Stadt gegossen worden ist. Die große Christkönigsglocke mit dem Ton A? ist die tontiefste Glocke des Landkreises Traunstein und zugleich eine der tontiefsten in ganz Südostbayern. Auch mit ihrem stattlichen Gewicht von 3050 kg überragt sie ihre Schwestern weit und breit. Das respektable Geläute und seine Einzelglocken sind nicht zuletzt wegen des hohen Turmes weithin zu hören. Nicht wegzudenken ist der Klang während des Traunsteiner Georgiritts am Ostermontag. Die größeren fünf Glocken mit den Tönen A? cis1 e1 fis1 a1 wurden 1947/48 bei Karl Czudnochowsky in Erding gegossen, damals eine der bedeutendsten Glockengießereien Bayerns und von Weltruf. Ihre Namen sind: Christkönig-, Oswald-, Marien-, Rupertus-, Georgsglocke. Nur die kleine h1 Glocke – die sogenannte Zügenglocke – stammt noch vom verlorenen Vorgängergeläute aus dem Jahr 1852. Diese Glocke erklingt, wenn im Pfarramt der Tod eines Gemeindemitglieds bekannt gegeben wurde, was auch ihre Inschrift besagt:

»Herr, nimm auf in deine Hand
Führ’ in’s ew’ge Heimatland
Die Seelen, deren Scheidestund
Mein Ruf macht der Gemeinde kund.«

Ihr unverkennbarer Septimeklang weist sie durchaus auch für den ungeübten Hörer als Sterbeglocke aus. Gegossen wurde das Glöcklein bei Anton Oberascher in Bad Reichenhall. Es überdauerte glücklicherweise beide Weltkriege, denen die anderen Glocken zum Opfer gefallen sind. Übrigens hat die evangelische Auferstehungskirche ihr neues Geläute auf die Töne von St. Oswald abgestimmt, sodass beide Kirchen harmonisch miteinander läuten können. Besonders schön ist das Einläuten des Sonntags jeden Samstagnachmittag um 15 Uhr, wo die Glocken der Traunsteiner Stadtkirchen gemeinsam zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen erklingen.

Salinenkirche

Der Zwiebelturm birgt zwei Glocken, die noch heute von Hand geläutet werden: Eine Kunst, die heute leider nur noch wenige Läuter beherrschen. Die größere Glocke von der Gießerei Czudnochowsky/Erding, wurde im Jahre 1953 angeschafft. Als kleinere Glocke kam – wohl nach der Säkularisation 1803 – aus dem Kloster Seeon eine zweite in die Salinenkirche. Es handelt sich um eine wertvolle barocke Glocke des Glockengießers J. M. Langenegger in München, der sie 1723 geschaffen hat. Dieses mit reichem Zierrat und Inschriften versehene Stück erklang noch zu einer Zeit über die Au, in der die Saline den Stadtteil prägte. Ihre Inschrift lautet: D: ANNAE MATRAE VIRGINIS MARIAE D: D: COLUMBANUS ABBAS IN SEON ANNO MDCCXXIII. Beide Glocken läuten in der Tonfolge a1 und c2.

St. Katharina und Georg

Möglicherweise birgt der Dachreiter der ehemaligen Friedhofskirche noch ein historisches Geläute. Wegen der schlechten Zugänglichkeit konnte bisher nicht im Turm nachgesehen werden. Glockenseile sind keine vorhanden, was auf eine Existenz von Glocken hindeuten würde. Die Glockenkunde von Pfarrer Seeanner von 1913 erwähnt zwei Glocken: Eine Glocke mit einem Maria-Hilf-Bild um 1800 und eine gotische Glocke von 1509. Sollte letztere noch vorhanden sein handelte es sich mit Abstand um das älteste noch erhaltene Klanginstrument Traunsteins! Diese Glocke wäre – laut Seeanner – geziert mit den Namen der vier Evangelisten. Wünschenswert wäre eine konkrete Nachforschung, ob noch Glocken vorhanden sind. Wenn ja, wäre es eine kleine Sensation und wert, eines der ältesten Ausstattungsstücke der Stadt zu reaktivieren; denn derzeit ist das Gotteshaus stumm.

Kloster Sparz

Im charakteristischen Jugendstildachreiter der Sparzer Klosterkirche hängt eine Glocke von Oberascher/ München aus dem Jahr 1908 mit dem Ton e2, welche beide Weltkriege überdauerte – vermutlich nur deshalb, weil man sie vergessen hatte. Sie ist dem heiligen Erzengel Michael geweiht, was unschwer am Relief zu erkennen ist: Dargestellt ist er als Seelenwäger. Es handelt sich bei dieser Glocke um ein Ausstattungsstück aus der Frühzeit der Sparzer Anlage. Die Glocke läutet schwingend leider nur sehr selten, gibt aber mit ihrem zarten Uhrschlag die Zeit an und prägt damit akustisch diesen Stadtteil.

Sparzer Kircherl

Im schönen barocken Zwiebelturm des Sparzer Kircherls hängen heute leider keine Glocken mehr. Die ursprünglichen, wertvollen Barockglocken von 1657 wurden schon im 19. Jahrhundert in die heute nicht mehr existente Traunsteiner Krankenhauskapelle transferiert. Ob die Glocken an anderer Stelle noch existieren ist dem Autor unbekannt; es ist jedoch angesichts ihrer eher geringen Größe nicht unwahrscheinlich. Als Ersatz wurden 1885 von Franz Oberascher/Reichenhall zwei kleine Glocken mit den Tönen e und g gegossen, welche vermutlich schon dem I. Weltkrieg zum Opfer gefallen sind. Seither sind Kirche und Turm stumm.

Buchfelln

Im schindelgedeckten Dachreiter der malerisch gelegenen Buchfellnkapelle hängen drei kleine Glocken in den Tönen c3 e3 g3, den Anfangstönen des Salve-Regina. Sie werden noch immer händisch geläutet. Mindestens zwei Glocken wurden vermutlich schon 1947 neu angeschafft und dürften mit den Glocken von St. Oswald geliefert und geweiht worden sein, was zumindest ein Foto zur Glockenweihe verrät. Man kann also annehmen, dass es sich um Glocken der Gießerei Czudnochowsky handelt wie bei der Stadtpfarrkirche St. Oswald. Auf einem Foto zur Glockenweihe ist übrigens ein Ministrant namens Joseph Ratzinger zu sehen, welcher dem Zelebrant beim Weiheakt zur Seite steht. Buchfelln hat also in gewisser Weise auch eine »Papstglocke«, wenn auch anderer Art als das Studienseminar St. Michael.

Haslach

Das mit Abstand wertvollste historische Gesamtgeläute Traunsteins und zugleich eines der letzten vollständig erhaltenen Barockgeläute der Erzdiözese München und Freising läutet in der Pfarrkirche Haslach: Insgesamt vier Glocken von J. M. Langenegger in München aus dem Jahre 1720 und eine kleine Glocke in der Friedhofskapelle St. Michael. Die Glocken sind mit kunstvoll gestalteten Reliefs, Bildern und Zierrat geschmückt. Interessanterweise wurden die Glocken nicht in München geweiht, sondern in Salzburg wohin der ganze Chiemgau bis ins 19. Jahrhundert kirchlich gehörte. Man nahm den beschwerlichen Umweg in Kauf um den Glocken den kirchlichen Segen zuteil werden zu lassen. In musikalischer Hinsicht macht das Geläute eine typisch barocke Eigenart hörbar. Die dissonante Septimestimmung der Einzelglocken, aber auch der Gesamtgeläutedisposition: es1 f1 gis1 c2 b2. Damit hebt sich das Geläut in Haslach von den übrigen der Stadt ab. Somit sind diese Glocken ein bemerkenswertes Klangdokument des frühen 18. Jahrhunderts und geben einen musikalischen Eindruck einer längst vergangenen Epoche wieder. Wie durch ein Wunder überlebten sie die beiden Weltkriege und ihre drohende Einschmelzung in Hamburg, wohin die größeren drei Glocken 1942 gebracht worden waren. 1946 wurden sie von Haslachern in Hamburg identifiziert, 1947 kehrten sie in ihren Turm zurück und läuteten zur großen Freude der Bevölkerung nach Jahren des Schweigens erstmals wieder das Kirchweihfest ein. Derzeit ist eine groß angelegte Generalsanierung von Glocken und Glockenstuhl in Planung, um dem Geläute wieder zu alter Schönheit zu verhelfen. Höchstwahrscheinlich gehörte auch die Glocke der ehemaligen Heiliggeistkirche ursprünglich zum Haslacher Geläute, was gleicher Gießer, gleiches Gussjahr und die identische formale und künstlerische Gestaltung verdeutlichen.

Ehemalige Heiliggeistkirche

Eine sehr klangvolle barocke Glocke die mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Guss mit den fünf Glocken für Haslach im Jahre 1720 in München gegossen worden ist – läutete bis zu ihrem Abriss (nach 1950) im Turm der ehemaligen Heiliggeistkirche im gleichnamigen Stadtteil. Nachher kam sie nach Heiligkreuz in Traunstein, wo sie als Basis für ein neues Geläute dienen sollte. Doch es kam nicht dazu und die Glocke geriet mehr und mehr in Vergessenheit. Wünschenswert wäre nach über 50 Jahren Schattendasein ein würdiger Platz für diese Glocke, einem wertvollen Zeugnis Traunsteiner Stadtgeschichte. Kunsthistorisch sinnvoll und überlegenswert wäre eine Zusammenführung mit dem Haslacher Geläute. Die Tatsache von gleichem Meister, Gussjahr, formaler Gestaltung sowie der Umstand, dass die Heiliggeistkirche 1720 Filialkirche von Haslach gewesen ist sprechen jedenfalls dafür. Auch die Tonlage fis2 und die Septimestimmung der Langenegger-Glocken macht in musikalischer Hinsicht eine Zusammenführung mit dem Haslacher Geläute sinnvoll. Sollte man sich dazu entschließen, würde das mit sechs Glocken größte zusammenhängende Barockgeläute seiner Art in der Erzdiözese München-Freising (wieder)erstehen!

Neben dem typischen barocken Zierrat befinden sich auf der Glocke Bildnisse von zwei Evangelisten sowie die Aufschrift: + AD HONOREM DEI FUSERUNT I: M: LANGENEGGER ET A: B: ERNST MONACHY 1720 +

Michael Mannhardt


Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 11/2007



10/2007