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Jahrgang 2012

Die Teufelsaustreibung in Altötting

Petrus Canisius befreite ein Mädchen von einem bösen Geist

Szene aus der »Schau« im Marienwerk: Die Teufelsaustreibung durch den hl. Petrus Canisius

Szene aus der »Schau« im Marienwerk: Die Teufelsaustreibung durch den hl. Petrus Canisius
Das Canisius-Altärchen im Wallfahrtsmuseum in Altötting.

Das Canisius-Altärchen im Wallfahrtsmuseum in Altötting.
Petrus Canisius und sein Namenszug

Petrus Canisius und sein Namenszug
Die Wallfahrt zu unsrer Lieben Frau in Altötting hat gute und schlechte Zeiten erlebt. Die Zahl der Pilger wechselte je nach der politischen und der wirtschaftlichen Situation. In Notzeiten schnellten die Pilgerzahlen oft in die Höhe entsprechend dem Sprichwort »Not lehrt beten«. Dagegen spürte man in ruhigen Zeiten einen Rückgang der Wallfahrer. Doch auch der jeweilige Zeitgeist forderte seinen Tribut. Ein Nachlassen des religiösen Lebens, vor allem der Marienfrömmigkeit, schlug sich in der Zahl der Pilger nieder und lähmte die Wallfahrt, deren Wurzel das innige Vertrauen auf die Hilfe der Gottesmutter bildet.

Den Tiefpunkt erlebte die Wallfahrt um die Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Wellen der Reformation Martin Luthers auch nach Bayern überschwappten. Die Marienverehrung nahm ab, die Wallfahrt ging schlagartig zurück. Beide Frömmigkeitsformen waren in die Kritik geraten. Bester Beweis dafür ist ein Vergleich der Opfergaben. Während im Jahre 1492 über 13 000 Gulden in die Kapellenkasse flossen, waren es 1560 nur noch 79 Gulden. Das bisher großzügige Spenden von Wachskerzen durch die Pilger versiegte, sodass die Kapellverwaltung die Kerzen selbst kaufen musste. Es kam vor, dass randalierende Bauern durchziehende Pilger auf ihrem Wege angriffen. Der Pfarrer von Taching, der einen Bittgang begleitete, wurde tödlich misshandelt, ein Gesellpriester (Kaplan) von Altötting predigte wider den »heidnischen Kult der Schwarzen Madonna«, in der Gnadenkapelle wurden die Fenster eingeworfen.

In dieser prekären Situation bemühten sich die für die Wallfahrt zuständigen Stiftsherren von Altötting, das Image ihres Orts zu verbessern. Dazu dienten an erster Stelle die sogenannten Mirakelschriften, die jährlich herauskamen und von erstaunlichen Gebetserhörungen auf die Fürsprache der Gottesmutter zu berichten wussten. Sie verfolgten einen doppelten Zweck. Einerseits sollten sie die Attraktivität der Wallfahrt steigern und andererseits die von den Lutheranern bezweifelte Lehre vom Nutzen des Wallfahrens und von der wirksamen Fürbitte der Jungfrau Maria untermauern. Dieser apologetische Aspekt, durch die von Maria bewirkten Wunder werde die Wahrheit der katholischen Lehre erwiesen, taucht in den Mirakelschriften immer wieder auf.

Auf der gleichen Linie liegen auch die Berichte über die spektakuläre Teufelsaustreibung, die der später heiliggesprochene Jesuit Petrus Canisius im Jahre 1570 in Altötting an einem 17-jährigen Kammerfräulein vornahm. Das dem Teufel in den Mund gelegte Lob vom Nutzen der Heiligenverehrung entsprach völlig dem traditionellen katholischen Glauben und konnte nur jeden davor warnen, die Lehre der Ketzer anzunehmen.

Der damalige Altöttinger Stiftspropst Martin Eisengrein hat die beklemmende Geschichte der Teufelsaustreibung in seinem Büchlein »Von der uralten heyligen Capellen unser lieben Frauen und dem fürstlichen Stift« detailgenau beschrieben. Er selbst konnte krankheitshalber nicht dabei sein, nennt aber namentlich eine Reihe vertrauenswürdiger Personen, »die solche Historia selbst mit ihren Augen gesehen und ihren Ohren gehöret haben und die wahrhaftig Zeugnis davon geben können, das billig von keinem Menschen bezweifelt werden kann«, wie er schreibt.

Das angeblich seit sieben Jahren vom Teufel besessene Mädchen mit Namen Anna von Bernhausen stand als Kammerfräulein im Dienst der berühmten Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger. Sie litt unter periodisch auftretenden Anfällen, bei denen sie zu Boden stürzte, die Glieder verrenkte, mit ganz schauerlicher Stimme lästerliche Worte ausstieß und nach einem solchen Anfall zuweilen in Ohnmacht fiel. Ihre Dienstherren, Max Fugger und seine Gemahlin, hatten schon mehrere Ärzte konsultiert, die aber nicht helfen konnten. So blieb nach damaliger Ansicht nur der Schluss, dass hinter der Krankheit des Mädchens der »Gottseibeiuns« persönlich stecke und von dem Kammerfräulein Besitz ergriffen habe. Der Gedanke an eine psychische Ursache der Krankheit, etwa eine schwere Form der Hysterie oder eine Psychose, lag dem Denken vor einem halben Jahrtausend total fern. Das gleiche Konzept haben heute noch exotische Schamanen oder Medizinmänner, die hinter schweren Leiden, Geisteskrankheiten und Süchten das Wirken von Krankheitsdämonen sehen und die Patienten – auch aus westlichen Industrieländern – mit den teilweise bizarrsten Ritualen und Beschwörungen behandeln. Und sie angeblich auch heilen.

Ein Augsburger Geistlicher hatte in der Kirche St. Afra den kirchlichen Exorzismus über die Besessene gesprochen und es tatsächlich fertiggebracht, aus dem Mädchen sechs böse Geister auszutreiben. Der Teufel verschwand aber nicht vollständig, denn wie eine tiefe Stimme aus Anna verkündete, blieb ein siebenter Dämon in ihr zurück. Dieser gab an, dass er nur am Marienwallfahrtsort Altötting vertrieben werden könne, und zwar in der heiligen Gnadenkapelle.

Da dieser letzte Teufel augenscheinlich ein besonders hartnäckiger, hinterhältiger Bursche war und es zu seiner Austreibung eines entsprechend qualifizierten Exorzisten bedurfte, engagierte Max Fugger dazu den hochberühmten Theologen und ersten deutschen Jesuiten Petrus Canisius, der damals als Professor an der Universität Ingolstadt wirkte. Wirklich der Top-Mann unter den deutschen Gottesgelehrten. Obwohl viel beschäftigt mit der Bekämpfung des Luthertums, konnte Canisius einem so einflussreichen Bittsteller wie Max Fugger die Bitte nicht abschlagen. Der Jesuitenpater genoss allgemein hohes Ansehen, er war theologischer Berater von Bischöfen und Gesandten, verfasste den berühmten Katechismus mit einer Zusammenfassung aller wichtigen katholischen Glaubenssätze und erhielt nach seinem Tod den Ehrentitel Zweiter Apostel Deutschlands (nach dem hl. Bonifatius).

Nach dem Bericht des Altöttinger Stiftspropstes Eisengrein traf die Delegation aus Augsburg mit dem besessenen Kammerfräulein am Abend des 21. Januar 1570 in Altötting ein. In ihrer Begleitung befanden sich Freiherr Max Fugger und seine Gemahlin, Petrus Canisius, ein Augsburger Kanonikus sowie das herrschaftliche Dienstpersonal. Ungeachtet der fortgeschrittenen Zeit begaben sich alle in die Gnadenkapelle und beteten zu Ehren Marias die Lauretanische Litanei, um sich auf den kommenden Tag einzustimmen.

»Des anderen Tages aber hat man zur Sache selbst gegriffen«, schreibt Stiftspropst Eisengrein, »hat in der gedachten Kapellen erst ein Gebet verrichtet, dann aufeinander zwo Meß´ gelesen und das hochwürdig Sacrament des Leibs und Bluts Christi nach katholischem Brauch (d. h. nur in Brotgestalt) aus den Händen Herren Doktoris Canisi andächtiglich empfangen«.

Am Nachmittag begann der Exorzismus im Beisein von etwa einem Dutzend Personen. Petrus Canisius erinnerte in einer Ansprache daran, dass Anna von Bernhausen vor Kurzem im Traum die Botschaft erhalten habe, dass der siebente und letzte Teufel in Altötting von ihr ausfahren werde, dafür solle sie als Votivgabe einen goldenen Kelch opfern. Dann fielen alle Anwesenden auf die Knie, bekannten ihre Sünden, sprachen das Pater Noster und das Ave Maria. Als sie anschließend zum Lob Mariens die Lauretanische Litanei beteten, begann das Mädchen mit tiefer Stimme ganz schauerlich zu grölen, warf sich zu Boden, fuchtelte mit Armen und Beinen wild um sich und schlug mit dem Kopf auf das Kapellenpflaster. Max Fugger, seine Frau und der Augsburger Kanonikus hielten Anna fest, um sie vor Verletzungen zu schützen.

Der Exorzist beschwor den Geist, das Mädchen im Namen Gottes zu verlassen und erhielt zur Antwort, er werde wohl ausfahren, aber zuvor müsse er sein Opfer noch länger peinigen für die Sünden ihrer Eltern, ihrer Dienstherrschaft und wegen der Vergehen des ganzen Fuggerschen Geschlechtes. Nach diesen Worten wurde das Mädchen wie von unsichtbarer Hand sieben Mal in die Höhe gerissen und sofort wieder niedergestoßen, ohne dass man sie festhalten konnte. Als Canisius eine kleine hölzerne Marienstatue des Bildhauers Hans Leinberger an ihren Kopf hielt, schrie sie vor Schmerz auf und nannte den Pater einen Hundsschinder. Canisius antwortete: »Ja, ich will dich schinden, du teuflischer Hund, wenn du das Mädchen nicht sogleich verläßt.« Der Teufel erwiderte: »Morgen will ich ausfahren, aber zuvor muss ich sie noch zwölf Mal schwer peinigen!«

Der nächste Tag brachte tatsächlich die Erlösung für das geplagte Kammermädchen. Aber von elf Uhr vormittags bis halb drei Uhr am Nachmittag wogte der Kampf zwischen dem bösen Geist und dem Exorzisten hin und her. Weil die Kranke kaum zu bändigen war, setzte sie Max Fugger auf seinen Schoß und hielt sie fest, unterstützt von seiner Frau und dem Augsburger Kanonikus. »Der unreine Geist hat das Mägdlein dermaßen gemartert, dass alle, so dabei waren, nit ohne grosses Mitleiden, Entsetzen und Tränen in den Augen bekennet hätten, das Mägdlein wäre längst in tausend Stuck zerschmettert, wo es nit Gott und seine werte Mutter insonderheit behütet hätten«, stellt Eisengrein fest. Es wurde von allen wie eine Erlösung empfunden, dass Anna gegen Mittag in eine tiefe Ohnmacht fiel und eine Viertelstunde lang wie tot dalag. Nach dem Aufwachen erzählte sie, im Traum sei ihr die Mutter Maria mit zwei Engeln erschienen, und einer der Engel habe ihr gesagt, sie müsse noch fünf Mal vom Teufel schwer gepeinigt werden, dann aber solle ihm Pater Canisius befehlen, niederzuknien, fünf Vater unser und fünf Ave Maria zu beten, sieben Mal den Erdboden zu küssen und bei der Muttergottes Abbitte dafür leisten, weil er sie so beleidigt habe.

Bevor der Teufel diesen Befehlen folgte, gab es noch eine Verzögerung. Der Böse verlangte vom Mädchen, es dürfe nicht mit dem Gesicht zum Altar stehen, sondern mit dem Rücken. Aber der Exorzist zwang es zur richtigen Stellung, wenn auch unter lauten Protestrufen des Teufels, der jämmerlich schrie: »O wehe, o wehe, meiner grossen Pein, kein Teufel ist je so gemartert worden!« Damit war endlich der Bann gebrochen, die Stimme des Teufels wurde mit einem Male ganz zahm. Canisius befahl ihm, jetzt Gott und der Mutter Maria die Ehre zu geben. Das Mädchen kniete sich hin, spannte die Arme aus und begann das Vater unser und das Ave Maria zu beten, aber nicht mit ihrer Mädchenstimme, sondern mit einer tiefen Männerstimme. Daran anschließend fing der Teufel an, die Muttergottes aufs Höchste zu preisen, weil sie eine mächtige Fürsprecherin für alle notleidenden Menschen sei und keinen im Stich lasse, der sich an sie wende. Zudem gab er ihr die schönsten Ehrentitel, worüber sich alle nicht genug wundern konnten. Bevor er das Mädchen endgültig verließ, kniete er nieder und küsste sieben Mal die Erde. Auf die Frage von Canisius, warum er das tue, antwortete er, das sei ein Befehl der Muttergottes wegen seiner Lästerungen. Schließlich hob er das Mädchen in die Höhe und verließ seinen Körper mit einem lauten Schrei.

Es ist nur zu verständlich, dass alle Augen- und Ohrenzeugen dieses gewaltigen Happenings, vor allem natürlich das Kammerfräulein, von Dankbarkeit und Freude erfüllt waren und – wie Stiftspropst Eisengrein schreibt – »dem Allmächtigen Gott und seiner werten Mutter für diese grosse Gnad und Guttat nit ohne Seuffzen und Weinen treulich Ehr und Dank sagten«.

Eine figürliche Darstellung der Teufelsaustreibung durch den hl. Petrus Canisius befindet sich in Altötting in dem von Reinhold Zellner geschaffenen Diorama »Die Schau« im Marienwerk. Dort ist allerdings der Ort des Geschehens von der Gnadenkapelle in den Innenhof der damaligen Kapellverwaltung verlegt. Die beim Exorzismus verwendete Leinberger-Madonna wurde später in ein Marienaltärchen gestellt, ein Bildhauer schuf dazu eine Silberfigur von Petrus Canisius. Dieses sogenannte Canisius-Altärchen kann heute im Altöttinger Wallfahrtsmuseum bewundert werden. Auch der von Max Fugger gestiftete Kelch ist im Museum ausgestellt.


Julius Bittmann



11/2012