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Jahrgang 2009

Die Geschichte der Traunsteiner Lourdeskapelle

Sie steht seit 70 Jahren am Maxplatz neben dem Pfarrheim

Die Marienfigur mit einem beleuchteten Sternenkranz als Heiligenschein

Die Marienfigur mit einem beleuchteten Sternenkranz als Heiligenschein
Die Lourdeskapelle in der Ludwigstraße 1939

Die Lourdeskapelle in der Ludwigstraße 1939
Die Wände sind mit Votivtafeln übersät

Die Wände sind mit Votivtafeln übersät
In Traunstein gibt es so etwas wie eine geheime Anlaufstelle für Menschen in jeglicher Gemütsverfassung. Sei es im Zustand der Lebensfreude, sei es in Lebenskrisen, ausgelöst durch Krankheit des Leibes, der Seele oder durch andere widrige Umstände. Diese Anlaufstelle ist die denkmalgeschützte Lourdeskapelle im Herzen von Traunstein, neben dem Pfarrhaus am Maxplatz. Mittelpunkt im Innenraum ist die 1,40 m hohe, bemalte Marienstatue mit einem beleuchteten Sternenkranz als Heiligenschein, dem Nimbus. Die aus Gips gefertigte Madonna steht erhöht, eingefügt in eine halbrund gestaltete Grotte aus Tuffstein, welche der Grotte von Massabielle in Lourdes, dem Erscheinungsort, nachempfunden wurde.

Die Darstellung der Lourdesmadonna bleibt weltweit immer dieselbe: Sie trägt ein weißes Kleid einen blauen Gürtel und einen weißen Überwurf als Mantel, der zum Teil den Kopf bedeckt. So blickt sie nach oben gen Himmel, die betenden Hände mit dem goldenen Rosenkranz umwunden; auf den Füßen ist eine Rose eingearbeitet. Ihr Titel ist: Unsere Liebe Frau von Lourdes, Heil der Kranken!

Kurz zur Geschichte der Erscheinungen in Frankreich: Papst Pius IX. ruft nach der Französischen Revolution 1858 ein Jubeljahr aus, um dem Glaubensabfall entgegenzuwirken. Der Bischof von Tarbes, Bertrand Lawrance, hat aus diesem Anlass in seiner Diözese, zu der Lourdes gehört, einen Hirtenbrief an alle seine Priester verfasst. Am 11. Februar desselben Jahres, also im vom Papst ausgerufenen Jubeljahr, beginnen im südfranzösischen Lourdes die marianischen Erscheinungen. Bis zum 16. Juli erscheint die Muttergottes dort Achtzehn mal, lässt eine heilsame Quelle entspringen und wendet ihre Botschaften an das einfache, damals religiös und intellektuell ungebildete Mädchen Bernadette Soubirous. Der Ort ist heute einer der größten katholischen Wallfahrtsorte weltweit. Bernadette tritt später ins Kloster von Nevers ein, wird 1925 selig- und 1933 heilig gesprochen. Ihr unverwester Leichnam ist im Kloster von Nevers aufgebahrt.

28 Jahre nach den Ereignissen in Frankreich, also 1886, lassen die Traunsteiner Ordensschwestern vom Institut der Englischen Fräulein (heutiger Ordensname: Kongregatio Jesu) eine Lourdeskapelle in der Ludwigstraße errichten. Seit 1857 wirkt die Kongregatio Jesu hier segensreich in der Stadt, zu Beginn neben dem Kapuzinerkloster.
Im Münchner Archiv der Kongregatio Jesu steht über den Bau der Kapelle nur ein Satz geschrieben: »Am 28. Mai 1886 wurde der Bau einer Lourdeskapelle im Institutsgarten begonnen, die seit ihrer Einweihung dem Besuche der Gläubigen geöffnet ist.«

Sie wurde derart gebaut, dass die südliche Längsmauer auch Teil der Mauer vor dem ehemaligen Kapuzinerkloster (heute u.a. Städtische Galerie) bildete. Da im Mai 1939 wegen straßenbaulicher Maßnahmen der Abbruch der Klostermauer erfolgte, schien damit auch das Schicksal der Kapelle besiegelt. Doch mit Hilfe von Spendengeldern konnte noch im selben Jahr der Wiederaufbau und die Weihe der neuen Lourdeskapelle unter Stadtpfarrer Stelze ermöglicht werden. Als Standort kam wegen des Regimes, welches alles Kirchliche verboten hat, nur pfarreigenes Gelände in Frage. So wurde der Neubau neben dem Pfarrhaus errichtet.

Nebenbei bemerkt erfolgte im Jahr 1939 auch der Eintritt des Schülers Josef Ratzinger ins Studienseminar St. Michael.

Seitdem befindet sich die Lourdeskapelle mitten im Stadtzentrum am Maxplatz. Das stimmige Duo »Kapelle mit 100-jähriger Kastanie« ist seit 2007 leider Geschichte. Der überaus üppig blühende, aber geschädigte Baum musste gefällt werden; so hat er leider das 70-Jahr-Jubiläum der Kapelle »verpasst«. Am 3. April 2007 wurde eine junge Kastanie auf der Südseite eingepflanzt, gestiftet von der Kolpingfamilie Traunstein.

Im Innenraum befindet sich gleich links an der Wand eine schwarze Tafel mit folgenden Angaben: »...Die Gestaltung übernahmen die einheimischen Baumeister Eichstädter und Mitterer. Die Inneneinrichtung stammt von Erich Marinetz.« Die Kapelle wurde also neu gestaltet, die Proportionen blieben aber in etwa dieselben wie bei der Ursprungskapelle in der Ludwigstraße. Das Kreuz vom Giebel der Ludwigstraßen-Kapelle ist einem schmucken Kügelchen gewichen. Die Marienfigur ist noch das Original, welches die Kongregatio Jesu damals stiftete.

Betrachtet man das alte Foto mit der Abbildung der ersten Kapelle so kann man davon ausgehen, dass der niedrigere, halbrunde Anbau auf der Westseite, der hier sehr gut zu sehen ist, im Innenraum die Lourdesgrotte gebildet haben muss. Wohingegen beim Neubau das Rund der Grotte in den Gesamtbau integriert ist. Beim Neubau sehen wir dafür einen niedrigeren Vorbau als Eingangsbereich. Hinzugefügt wurden auch zwei kleine Fensterchen jeweils auf der Ost- und Westseite.

Tuffstein gab es früher in Achtal bei Oberteisendorf und in Bergen, aber 1939, dem Baujahr unserer Kapelle, schon nicht mehr, wie Sepp Winkler aus Oberteisendorf, ehemaliger Bauleiter, berichtet. So stammt dieser Tuffstein vermutlich aus einer anderen Gegend. Die Tuffsteine aus der alten Kapelle konnten wohl nicht wiederverwendet werden, weil dieses Material von brüchiger Konsistenz ist und deshalb die einzelnen Steine beim Herausschlagen nicht erhalten geblieben wären.

Ähnliche Kapellen, Lourdesgrotten oder Statuen findet man äußerst häufig an allen Ecken und Enden der ganzen Welt. Als die größte Lourdeskapelle in Süddeutschland gilt die etwa sieben Meter hohe Lourdes-Grotte in Zaisenhausen im württembergischen Jagsttal.

Beim Öffnen der Eingangstür der Lourdeskapelle tritt der Besucher in eine andere Welt. Hier fühlt man sich sofort wohl und willkommen. Die Wände sind mit Votivtafeln übersät, das gedämpfte Licht von den vielen kleinen Opferlichtern, die in den verschiedensten Anliegen hier entzündet werden, sorgt für eine idyllische, andächtige Atmosphäre. Vier schmale Zweisitzer-Kniebänke laden zum Verweilen ein. Immer brennen die Lichtlein, viele an der Zahl. Und eben diese wärmende Intimität der kleinen Lourdeskapelle tut einem gut. Vor allem mitten im Trubel des Stadtkerns und im Druck des nicht enden wollenden Einkaufszettels, der nicht enden wollenden Schaufenster und der nicht enden wollenden Verpflichtungen des »Tagesmanagements«.

Durchatmen, Mensch sein, entspannen, rasten, sich sammeln ist hier, wie in jeder Kirche, möglich und
erwünscht. Wenn’s pressiert, dann reicht es doch immer noch für das Anzünden eines Opferlichtes und für ein kurzes Innehalten. Hat der Besucher etwas auf dem Herzen, einen Dank, eine Bitte – und wer hat das nicht – dann drängt es ihn vielleicht zu beten, entweder mit eigenen Worten oder man weiß noch das »Ave Maria« auswendig.
Die sechs bis acht Damen, die in der Kapelle von Montag bis Freitag um 17 Uhr den Rosenkranz beten, haben sicherlich kein Problem mit dem »Ave Maria«, dem bekanntesten Mariengebet. Seit 1950, dem von Papst Pius XII. ausgerufenen Heiligen Jahr, existiert diese Rosenkranzgemeinschaft und sie wird auch weiterhin Bestand haben, davon ist Maria Lapper überzeugt, die freundliche Seele des Ganzen. Sie ist seit 12 Jahren dabei und kümmert sich gerne um den Blumenschmuck, das Aufstellen und Abräumen der Opferkerzen, und am Samstagnachmittag sorgt sie hier für Sauberkeit. Wenn dann samstags um 15 Uhr in der ganzen Stadt feierlich die Kirchenglocken zu läuten beginnen, und sie gerade in ihrer Kapelle die letzten Handgriffe erledigt, dann ist das ein erhebendes Gefühl, ja ein Glücksgefühl diese schöne Aufgabe zu haben, so erzählt sie mir. Und solange sie der Herrgott noch braucht, muss er ihr auch die nötige Gesundheit dafür schenken, betont sie!

Erlebt hat Maria Lapper schon einiges mit den verschiedenen Kapellenbesuchern. Da gibt es auch tragische Vorkommnisse z. B. mit einem schwer Alkoholisierten, der sich bei ihr ausweint, weil seine Frau verstorben ist. Oder aber die Geschichte mit dem Münchner Ehepaar, das immer wenn es in Traunstein bei den Kindern ist, auch bei der Lourdeskapelle vorbeischaut und hier ein Kerzerl aufstellt. Dieser Zufluchtsort hat schon Suizidgefährdete Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt und sicherlich ist noch manch anderes Ungewöhnliches geschehen, von dem nur der Betroffene selbst weiß; bezeugt wird dies allerdings durch die vielen Votivtafeln an den Wänden. Besucherinnen aus Bad Reichenhall bekräftigen, dass sie keine schönere Kapelle kennen, als diese hier, und dass sie gelegentlich nur wegen dieser Lourdeskapelle zum Beten nach Traunstein fahren.

Eine zweite Traunsteiner Lourdes-Andachtsstätte wurde im Institutsgarten der Kongregatio Jesu in Sparz in einen Erdhügel eingefügt und in Form einer kleinen, runden Grotte aus Tuffstein errichtet. Diese versteckt liegende Gebetsstätte ist so klein, dass nur eine schmale Kniebank hineinpasst. Die Lourdesmadonna ist aus Porzellan, bemalt in blau und weiß, verziert mit Blumenschmuck und von Kerzen umgeben.

Im September 2008 feierte Lourdes das 150-Jahr-Jubiläum der Marien-Erscheinungen. Papst Benedikt XVI. war dazu als Wallfahrer in die französischen Pyrenäen gekommen. Die Jubiläumsfestlichkeiten, die am 8. Dezember 2007, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, begannen und bis zum 8. Dezember 2008 andauerten haben sicher die meisten Katholiken, Marienverehrer, Wallfahrer und Lourdesgrottenbesucher am Fernseher mitverfolgt.

Papst Benedikt XVI. in Lourdes: »Wie viele Menschen kommen her und hoffen auf ein Wunder! Statt dessen machen sie eine spirituelle Erfahrung, die ihren Blick auf Gott, auf andere und auf sich selbst ändert. Eine kleine Flamme brennt in ihnen, die Flamme der Hoffnung, des Mitleids und der Zärtlichkeit.«

Dieser Satz des Heiligen Vaters gilt auch für die Traunsteiner Lourdeskapelle am Maxplatz, neben dem Pfarrhaus.


Gabriele Holz



28/2009