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Jahrgang 2008

Der Schatz von St. Oswald

Fünf Kunstgegenstände überstanden erstaunlicherweise den Stadtbrand von 1704

Der Rahmen verbrannte, das Bild blieb jedoch vollständig erhalten. Lateinischer Text im Bild: »In gremio Matris sedet Sapientia

Der Rahmen verbrannte, das Bild blieb jedoch vollständig erhalten. Lateinischer Text im Bild: »In gremio Matris sedet Sapientia Patris« bedeutet »Im Schoß der Mutter sitzt die Weisheit des Vaters«. IL VERO RITATO DELLA SACRATISIMA VERGINE MARIA MIRACOLOSA IN VALLE DE VI VICEZZO INRE Das wahre Abbild der Wundertätigen Jungfrau Maria im Tal von Vigezzo)
Früher hochverehrte Gnadenfigur »Unsere Liebe Frau von Traunstein«, die gerade im Begriff ist, ins Bewusstsein ihrer Schutzbefoh

Früher hochverehrte Gnadenfigur »Unsere Liebe Frau von Traunstein«, die gerade im Begriff ist, ins Bewusstsein ihrer Schutzbefohlenen zurückzukehren.
Inschrift: Gegenwärtiges hl. Haupt Jesu Bild ist 1704 den 23. August, nachdem die Kierch und Statt in Flamen, von Feur unverzert

Inschrift: Gegenwärtiges hl. Haupt Jesu Bild ist 1704 den 23. August, nachdem die Kierch und Statt in Flamen, von Feur unverzert verbliben
Damals, als im Zuge des spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714) Kurfürst Maximilian II. Emanuel an der Seite Frankreichs gegen Österreich stand und schließlich die Kaiserlichen siegten, wurde Bayern von Österreich besetzt und verwaltet(1). Die österreichischen Hilfstruppen, die Panduren, brannten damals in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1704 die Stadt nieder(1a). Auch die am Ostende des Stadtplatzes liegende Burg der im 12. Jahrhundert bezeugten Herren von Traun brannte vollständig nieder(2); ebenso Schloss Neugereut in der Schaumburger Straße. Aber auch die St. Oswald Kirche fiel den Flammen zum Opfer. 29 Jahre vorher, 1675-1677, wurden noch das Langhaus und die Sakristei neu erbaut. Zehn Jahre vor dem Brand wurde der gesamte Chor umgebaut(3). Der Entwurf dazu stammte von dem Italiener Gasparo Zuccalli aus Roveredo (heute Graubünden), kurfürstlicher Hofmaurermeister, der 1689 in Salzburg zum Hofbaumeister ernannt wurde. Zuccalli begann auch den Bau, doch vollendet wurden die Baumaßnahmen von den italienischen Baumeistern Antonie Riva und Lorenzo Sciascia, beide ebenfalls aus Roveredo, wobei Sciascia die Oberleitung innehatte. In der Nacht des 22. August wurde Feuer an die Stadt gelegt und am 23. August brannte es um 10 Uhr Vormittag noch lichterloh. Als vermutlich gegen Abend der letzte große Brandherd gelöscht war, da mag sich so mancher Traunsteiner, der sein Hab und Gut oder sogar Angehörige verloren hatte, sicherlich Gedanken über den Zustand des Gotteshauses gemacht haben. Dort war die Sachlage folgende: In den frühen Morgenstunden zwischen 4 und 5 Uhr des 23. August wurde eiligst das Allerheiligste vom Pfarrer aus der Kirche getragen. Kurz darauf stürzte der Kirchturm ein. Das Gewölbe des Langhauses war völlig zerstört, die Innenausstattung fast bis zur Gänze durch das Feuer vernichtet(4a). Alle Altäre waren vernichtet. Die Allerseelen- und die Corpus-Christi-Bruderschaft verloren ihre Bruderschaftshäuser, welche jeweils links bzw. rechts des Westturms angebaut waren(4), dort wo sich heute die beiden großen Aussichtsplattformen befinden.

Bei den ersten Aufräumarbeiten am späten Nachmittag und Abend des 23. August mag der Pfarrer und auch so mancher Bürger in den Trümmern der vernichteten Kirche, zwischen verkohlten, teils noch glimmenden Holzbalken und rußgeschwärztem Gestein, Ausschau gehalten haben nach sakralen Objekten, welche in den traurigen Überresten des Gotteshauses vielleicht übrig geblieben waren. Da waren der Pfarrer von Haslach Johann Balthasar Andensteiner (1696-1716)(5), Kapuzinerpatres und – brüder und Bürger gemeinsam zugange, als sich Ungewöhnliches ereignete: In den Trümmern werden zwei Bilder und drei Statuen, vier davon völlig unversehrt vom Feuerbrand, aufgefunden. Nur eine Figur, nämlich die des Heiligen Sebastian ist beschädigt; ihr fehlen die Beine ab dem Knie. Die schwarzen Ränder machen deutlich, dass die Figur mit Feuer in Berührung gekommen ist. Die anderen »Objekte« sind gänzlich unversehrt!

Diese fünf sakralen Kunstgegenstände waren:
1) Unsere Liebe Frau von Traunstein: Heute rechter Seitenaltar im Kirchlein St. Georg und Katharina, Schnitzarbeit, Madonna mit Kind.
2) Heilig-Haupt-Bildnis: Heute am mittleren Nordaltar von St. Oswald (Herz-Jesu-Altar) als Predellenbild.
3) »Madonna di Re«- Bild: Heute am mittleren Südaltar von St. Oswald (Rupertusaltar, sog. Papstnische) als Predellenbild. Maria mit segnendem Jesuskind, nachempfunden dem Gnadenbild von Re in Norditalien.
4) Heiliges Haupt von Traunstein: Heute in der Pfarrkirche »Maria Unbefleckte Empfängnis« in Siegsdorf. Das Christushaupt eines Kreuzes, das unter einem Schwingbogen außen an der St. Oswald Kirche angebracht war.
5) Heiliger Sebastian: Im Heimathaus Traunstein, Schnitzarbeit.

Wahrscheinlich hätte jeder von uns, wäre er damals Augenzeuge des Geschehens gewesen, von einem außerordentlichen Ereignis gesprochen. Auch 304 Jahre danach darf man staunen über die »Zeichen und Wunder« in dieser Stadt. Es kam und kommt zwar immer wieder vor, dass Heiligenbilder, Votivalien oder Statuen nach Feuersbrünsten oder anderen Katastrophen z.B. Tsunami wie in Asien, das Geschehen gänzlich unbeschadet überstehen, aber dass insgesamt fünf Kunstgegenstände nach einem verheerenden Großbrand gefunden wurden, ist eher ungewöhnlich.

Sicherlich wird gelegentlich bei Aufräumarbeiten nach Bränden Diverses entdeckt, aber größere Kunstwerke aus Holz bzw. dünne Leinwände, wie man sie in St. Oswald gefunden hat, welche inmitten von hohen Temperaturen den Flammen standhielten, machen einen Unterschied zu profanen Fundgegenständen wie Mauerresten, Metallstücken, Stuckresten etc. Vermutlich hat sich damals sogar der ein oder andere Helfer kleinere Brandreste als Andenken an die Katastrophe mit nach Hause genommen, wovon vielleicht noch heute einige existieren; verwahrt oder vergessen in Dachböden oder Kellern, wer weiß.

Wenn der Chronist schreibt, dass um fünf Uhr morgens der Pfarrer geschwind das Allerheiligste aus der Kirche trug und kurz danach der Kirchturm einstürzte, so ist erstaunlich, dass, was Unsere Liebe Frau betrifft deren Standort der Bäckeraltar war, sie nicht beschädigt wurde, denn der Bäckeraltar ist der hintere Südaltar, also rechts hinten. Dort befindet sich damals wie heute der Kirchturm. Dieser fiel also in sich zusammen, und das in nächster Nähe der später unversehrt entdeckten Figur. Unwahrscheinlich, aber möglich erscheint die Variante, dass »Unsere Liebe Frau«, Bilder oder anderes aus der Kirche geholt wurden, bevor das Wichtigste, nämlich das Allerheiligste, gerettet wurde.

In Traunstein fehlt die Erinnerung an die denkwürdigen Vorkommnisse. Nur das »Heilige Haupt von Traunstein« in Siegsdorf ist dem einen oder anderen ein Begriff.

Es kam bei den Aufräumarbeiten in den Besitz eines Bauern aus Daxenbach, der es in den Herrgottswinkel stellte und verehrte. Ein Nachfahre hat es später an einem Baum im Garten aufgehängt, worauf es von der Rinde des Baumes umwachsen und geschützt wurde. Das Heilige Haupt vom Traunsteiner Stadtbrand 1704 wird in einem Schrein mit Glasfront über dem Tabernakel in der Pfarrkirche »Mariä Unbefleckte Empfängnis« in Siegsdorf aufbewahrt und verehrt. Der Besucher der einst großen Wallfahrt zum Hl. Haupt entdeckt links neben dem Taufstein des Sehers Alois Irlmeier von Scharam (gest. 1959 in Freilassing) auch ein Gemälde von den Priesterweihen im Jahre 1945, die in dieser besonders schönen Kirche zelebriert wurden. Beachtenswert das Deckengemälde: es zeigt besagten Stadtbrand und die feierliche Prozession der Übertragung des Heiligen Hauptes von der Petruskirche (diese wurde während der Säkularisation abgerissen) in die Kirche nach Obersiegsdorf. Die Heilig-Haupt-Bruderschaft von Siegsdorf erlebt gerade eine Wiederbelebung.

Die anderen Kunstgegenstände verblieben in Traunstein. Hier erfuhren sie dann auch lange Zeit tiefe Verehrung durch die Bürgerschaft, denn man fühlte sich durch die übernatürlichen Ereignisse im Glauben gestärkt und hatte das Verlangen dies auch auszudrücken z.B. durch die Beigabe eines größeren, silbernen Herzens am Heilig-Haupt-Bild. Das Bild an sich ist gefasst in einen vergoldeten Rokokorahmen, ebenso das Bild »Madonna di Ré« in der Papstnische. Beide Rahmen sind nicht mehr ganz in Ordnung, aber wirkungsvoll in der Gestaltung - das jeweilige Bild dramatisch in Szene setzend.

Da die Statt und Kirch in Flamen,
(Da die Stadt und Kirch in Flammen)
Hangte gfast in einer Rahmen
in der Kirch diß Schöne Bildt,
Maria Muetter Gottes mildt.
D’rahm hat’s feuer aufgeriben,
Unverletz das Büdt gebliben.

(Da die Stadt und Kirch in Flammen
Hängte gfasst in einem Rahmen
In der Kirch dies schöne Bild
Maria Mutter Gottes mild.
Den Rahmen hat das Feuer aufgerieben
Unverletzt das Bild geblieben.)

1704 den 23. August

Sieht man einmal genauer hin, so ist festzustellen, dass der italienische Untertext des Marienbildes zur Hälfte mit weißer Farbe übermalt wurde, um dann auf der weißen Fläche in einem sehr schönen Reim die Ereignisse festzuhalten. Darunter dann das Datum vom 23. August 1704, was die Vermutung aufkommen lässt, dass das Übermalen mit weißer Farbe und das Auftragen der Schrift noch am selben Tag der Auffindung unter dem Eindruck der Geschehnisse vorgenommen wurden. Ebenso verhält es sich bei dem Hl. Haupt Bild. Dort wurde auch mit weißer Farbe ein Untergrund geschaffen, um schriftlich festhalten zu können, dass hier ein übernatürliches Geschehen stattfand. Die nachempfundene Kopie des italienischen Originals von Norditalien »Madonna di Ré« (Nähe Locarno, 7 km von der schweizerischen Grenze entfernt) könnte ein Geschenk eines der italienischen Baumeister Zuccalli, Riva oder Scascia aus Roveredo (heute Kanton Graubünden) an Traunstein gewesen sein. Roveredo ist von Ré nur ca. 60 km entfernt und bestimmt wurde in Roveredo das Gnadenbild von Ré sehr verehrt, so wie die Muttergottes von Altötting in ganz Bayern bekannt ist. Für diese Vermutung spricht auch die, für unsere Gegend untypische, Ikonenhafte Darstellungsweise der Maria. Bei Weiermann liest man: »Die Itaker strömen seit der Mitte des 17. Jhd. nach Süddeutschland.« »Im 17. Jahrhundert wurden italienische Baumeister für den Neubau des Langhauses, Turmes und Chores von St. Oswald engagiert«. Kam so das Bild nach Traunstein?

Die ersten Missionare der Madonna von Ré waren die Kaminfeger, welche nach ganz Europa auswanderten und Kopien der Madonna mit sich trugen. So entstanden dauerhafte Heiligtümer in Mailand, Klattau/Böhmen, Bergatreute/Oberschwaben, Damüls in Tirol, Schweiz: Castaneda/Kanton Graubünden, Siebeneich NW, Perly/Genf, Semsales und in Budapest, Görcsöny. Nun hat aber die Traunsteiner Kopie im Großen und Ganzen mehr Ähnlichkeit mit der Kopie von Bergatreute in Oberschwaben als mit dem Original von Ré. Allerdings fehlt in Bergatreute das Detail, dass Jesus beim Original-Gnadenbild von Ré an der Mutterbrust saugt. Dies Detail ist aber beim Traunsteiner Bild vorhanden, wenn auch nur schüchtern in der Ausführung. Kam es also als Kopie aus Oberschwaben nach Traunstein? Die Wallfahrt »Maria vom Blute« in Bergatreute hat ihren Ursprung in dem Dorfe Ré in Oberitalien. Dort war an der Außenseite der Kirche ein viel verehrtes Mosaik der allerseligsten Jungfrau mit dem Jesuskind auf dem Schoße angebracht. Es trug die Inschrift: »Im Schoße der Mutter sitzt die Weisheit des Vaters«. - Am 29. April 1494 warf zur allgemeinen Entrüstung ein gewisser Joh. Zucconi in frevlerischer Weise einen Stein gegen das Bild, der die Stirne der Madonna traf. Am folgenden Tag sah man das Bild mit Blut überronnen. Das Blut floss aus der Stirnwunde der Madonna auf das Jesuskind. - »Maria vom Blute« - Ein großer Pilgerstrom setzte ein. Während 20 Tagen floss das Blut und in diesem Zeitraum geschahen viele, viele Heilungswunder. Noch heute finden jährlich Feiern und Prozessionen statt, denn das vergossene Marienblut wurde vom Pfarrer mit einem Tüchlein geborgen, teils in einem kleinen Fläschchen aufgefangen und in einem Schrein verwahrt, der 3 mal jährlich feierlich vom Geistlichen in einer Prozession durch die Ortschaft getragen wird. Ein Abbild des Gnadenbildes kam nach Klattau in Böhmen. Am 8. Juli 1685 zeigte sich auch an diesem Bilde Blutfließen. An beiden Orten strömten die Pilger über Jahrhunderte zu Hunderttausenden zur »Madonna des wundertätigen Blutes«, angezogen von einer unsichtbaren geistigen Kraft, die von diesem Bild ausgeht. Der Bürgermeister von Klattau, Joh. Jakob Teplitz, sandte eine Kopie dieses Bildes seinem Schwager, dem Pfarrer Johann Michael Müetinger in Bergatreute (1686). Von manch besonderen Gnadenerweisen berichten die Akten des Gnadenbildes. Bei aller gebotenen Nüchternheit und Kritikfähigkeit kommt man nicht umhin zu bemerken, dass die wunderbaren Ereignisse, welche dieses Bild und deren Kopien begleiteten, sich in Traunstein 1704 fortsetzten.

Das Heilig-Haupt-Bild ist früheren Ursprungs als das Marienbild und mit größerer Kunstfertigkeit geschaffen, aber Künstler und Epoche sind nicht bekannt; eine Schätzung spricht vom Ende des 17. Jahrhunderts. Über dem Kranz der Dornenkrone dieser »Ecce Homo« - Darstellung deutet der Künstler durch einen Strahlenkranz auf die kommende Auferstehung hin und so empfindet der Betrachter beides mit: das Leid, aber auch die Freude über das Aufdämmern der Erlösung. Beim Betrachten des Marienbildes und des Hl. Haupt-Bildes fällt die Ähnlichkeit auf zwischen Jesus als etwa 12-jährigem Kinde auf dem Schoß der Mutter und als 33-jährigem Gefolterten.

Georg Schierghofer findet 1921 bei Recherchen im Traunsteiner Pfarrarchiv Rechnungen, die u.a. einem »geschnitzten Liebfrauenbildnis« zuordnet sind. Unsere Liebe Frau von Traunstein erfreute sich demnach einst außerordentlich großer Zuwendung, wenn man folgendes bei Schierghofer liest: »… ferner ein geschnitztes Liebfrauenbildnis und nicht weniger als 14 Stück Liebfrauen-Röckln (Anmerkung: gemeint sind Festkleider, üblicherweise in Kombination mit einem Mantel) für alle kirchlichen Festzeiten in allen Farben, von Seide und Atlas, mit Spitzen und Borten, aufgeführt.« Diese, nach Art der Altöttinger Gnadenfigur gekleidete Madonna mit Jesuskindl auf dem Arm, thront heute am rechten Seitenaltar im Kirchlein St. Georg und Katharina. Weiter Schierghofer: »Auf dem Sockel lesen wir: `Dieses Marienbild ist beim Brande der Stadtpfarrkirche im Jahre 1704 unversehrt geblieben.´ Es wurde aus der Kirche mit einigen silbernen Votivalien (Anmerkung: unauffindbar) in die Gottesackerkirche gerettet. Schon in der Pfarrkirche war das Bildnis am Bäckeraltar aufgestellt, von der Bevölkerung besonders verehrt und nach dem Brande, als die Gottesackerkirche die ausgebrannte Oswaldskirche zu vertreten hatte , war es lange Zeit als Denkzeichen an die Schreckenszeit des Krieges auf dem Hochaltare zu sehen. …… Während des Weltkrieges genoss sie wiederum große Verehrung als Schirmerin in des Krieges Nöten und ward somit abermals aufs innigste mit dem Krieg- und Kriegergedenken verbunden.«(9) Möge es uns erspart bleiben sie jemals wieder als Schirmerin in Kriegsnöten bitten zu müssen.

Der Heilige Sebastian, Pest- und Schützenpatron, außerdem Namenspatron von Stadtpfarrer Sebastian Heindl, sollte 1704 auf dem vorderen, linken Nebenaltar gestanden haben, denn das war ehemals der Pestpatronaltar.
Der leicht versengte Heilige Sebastian (Schnitzarbeit) bekam leider keinen würdigen Platz mehr in einer Kirche oder Kapelle. Nun beherbergt ihn das Traunsteiner Heimathaus am Stadtplatz im sog. Sakralraum/3. Stock. Es fehlt dort erstaunlicherweise jeglicher Hinweis auf die Besonderheit dieser Figur. Man führe sich vor Augen, dass z.B. für das hübsch kleine Gnadenbild von Maria Plain in Salzburg, welches auch bei einem Brand unversehrt blieb, eigens eine große, prächtige Kirche gebaut wurde zur Ehre dessen, der dieses übernatürliche Ereignis gewirkt hat.

Früher erfreute sich speziell diese Sebastians-Figur großer Verehrung. Die Pest war eine gefürchtete Seuche, der man hilflos ausgeliefert war. Da hatten die zuständigen Heiligen noch einen hohen Stellenwert als letzter Rettungsanker bei drohender Lebensgefahr. So wurde im 17. Jahrhundert am Sebastianitag eine Prozession zu seinen Ehren abgehalten. Der Prozession gingen zwei Engel mit Schwert und Waage voran, Symbole für Krieg, Teuerung und Pest (wobei mir persönlich beim Stichwort »Teuerung« das Schwert als Symbol näher liegt als die Waage - die hier für Ausgewogenheit und Gerechtigkeit steht), und während des Hochamtes wurden von einer Person in Engelskleidern ein flammendes Schwert und ein Totenkopf auf dem Altar niedergelegt.(10)

Absolut denkwürdig und damit auch in diesem Zusammenhang erwähnenswert sind die Ereignisse im Raum Traunstein-Altötting-München im Juli/August 1704.

In München: 1657 in München geboren und noch am gleichen Tag als Maria Anna im Alten Peter getauft, war »die Lindmayerin« um 1700 eine bekannte und geschätzte Prophetin, Mystikerin, Beraterin und Retterin der Stadt München; die bayerische Teresa von Avila. Beim Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges 1704 war ihr Ansehen in der Erzdiözese und den Herrscherhäusern der Wittelsbacher und Habsburger so gefestigt, dass die drei Stände Bürger, Adel und Klerus ihrer Vision folgten und am 17. Juli 1704 auf Veranlassung der Lindmayerin in aussichtsloser Kriegssituation zusammen das feierliche Gelübde vor Gott ablegten, die Münchner Dreifaltigkeitskirche zu bauen, um dadurch der Zerstörung der Stadt zu entgehen. Das geforderte Gelübde stieß droben auf Wohlgefallen und München blieb verschont. »Die Stadt läg in dem Grund, wan dise Kirch nit stund«. Inschrift der Münchner Dreifaltigkeitskirche – die Dreifaltigkeitskirche hielt auch im 2. Weltkrieg dem Bombenhagel stand.(11) In Altötting: Die große Glocke genannt »Stürmerin« (Glocke der Stiftspfarrkiche, seit 1963 für immer verstummt, da gesprungen) läutete Sturm am 27. Juli 1704, sodass die Gnadenstatue nicht aus der Gnadenkapelle entführt werden konnte. »Unbefugte«, das waren die eigenen Leute, also Altöttinger, aber keine Geistlichen, wollten »Unsere Liebe Frau« von Altötting vor den kaiserlichen Truppen des Gegners in Sicherheit bringen, doch Maria wollte sich nicht von Unbefugten berühren lassen und griff deshalb zu übernatürlichen Methoden, um das Sakrileg abzuwenden. Durch das selbständig einsetzende Sturmläuten der Glocke der Stiftspfarrkirche wurde die Entführung vereitelt.(12)

Dank für das Interesse am Thema gilt Hr. Prof. Dr. Dr. Weiermann, Kunsthistoriker.


Gabriele Holz



Quellen: 1 Wikipedia. 1a Albert Rosenegger. 2 Reclams Kunstführer 4. Auflage/1959. 3 Kirchenführer St. Oswald. 4 Leben, Wirken und Vermächtnis der Traunsteiner Kapuziner, von Franz Haselbeck. 4a A. Rosenegger und Kirchenführer 1951. 5 Auskünfte von Herrn Haselbeck, Stadtarchivar. 6 Auskünfte von Margarethe Schwaiger und Frau Döpper, Siegsdorf. 7 Kasenbacher, »Traunstein«. 8 Beschreibung des Heiligen Hauptes von Siegsdorf, privater Druck. 9 Aufsatz von Schierghofer, Stadtarchiv TS. 10 Jahrbuch Historischer Verein 1991. Aufsatz von Albert Rosenegger. 11 Kirchenführer Stiftspfarrkirche. 12 Homepage Lindmayr-Freundeskreis.




2/2008