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Jahrgang 2007

Auf den Spuren Unserer Lieben Frau von Traunstein

Nichts weist bei der Madonna in St. Georg und Katharina auf die lange Verehrung hin

»O eilet, sie zu schauen, die schönste aller Frauen, die Freude aller Welt.« Bild der Gnadenmadonna in St. Georg und Katharina.

»O eilet, sie zu schauen, die schönste aller Frauen, die Freude aller Welt.« Bild der Gnadenmadonna in St. Georg und Katharina.
Der Seitenaltar mit der Gottesmutter. Eine alte Aufnahme aus der Kirche St. Georg und Katharina

Der Seitenaltar mit der Gottesmutter. Eine alte Aufnahme aus der Kirche St. Georg und Katharina
Letzten Winter sah ich mir einmal die Bilder, die im Untergeschoß des Traunsteiner Rathauses hängen, genauer an. Gemeint sind jene, die links und rechts an den Wänden des Ganges zum Stadtarchiv hängen. Zum Beispiel eine Kopie eines alten Stiches vom Traunstein des 16. Jahrhunderts, oder eine Bildkopie der Gelöbnistafel der Traunsteiner Bürgerschaft nach dem fürchterlichen Stadtbrand von 1704, dessen Original man in der Altöttinger Gnadenkapelle bestaunen kann, wo es einen besonderen und alleinigen Platz über dem Seiteneingang erhielt. Die erstmalige Entdeckung dieser Verbindung von Traunstein und der Altöttinger »Schwarzen Mare« auf einer meiner Wallfahrten dorthin, bescherte mir Gefühle der Freude, Geborgenheit, aber auch der Verblüffung, denn unsere Gelöbnistafel ist eine der größten dort in und an der Gnadenkapelle, und zusammen mit dem besonderen Platz, den man ihr gewährt hat, steigt auch irgendwie die Bedeutung dieser Anbindung an den Gnadenort und die dort wirkende Patrona Bavariae. Eine wirklich schöne Überraschung.

Beim Betrachten des nächsten Objektes im Gang des Untergeschosses wurde die erste Überraschung jedoch noch getoppt. Denn neben dem vielen Sehenswerten dort im Untergeschoß sticht einem auch ein farbiges Bildchen ins Auge, dessen Hersteller ein Hobbykünstler gewesen sein muss. Akribisch und liebevoll gemalt, wird da an eine lebensbedrohliche Szene erinnert aus Zeiten des spanischen Erbfolgekrieges, wo sich ein Männlein, von schießenden Soldaten verfolgt, in die Kirche nach St. Oswald rettet, und dem untergeschriebenen Text zufolge, sich dorthin zu »Unserer Lieben Frau« flüchtet. Über der Szenerie am Himmel schwebend die Muttergottes von Kirchenthal; zu erkennen an dem Vögelchen, einem Spatz, wie man weiß, den das Kindl in der Hand hält. Vermutlich hat der schließlich Gerettete in seiner Not geschworen eine Wallfahrt nach Kirchenthal (lt. Herrn Albert Rosenegger – Heimatforscher) zu machen, wenn er von den Gewehrkugeln verschont bliebe. Betreffende Votivtafel hängt auch tatsächlich in Kirchenthal (nahes Österreich).

Diese Formulierung »Unsere Liebe Frau« hat mich persönlich sehr angerührt, denn noch nie hatte ich hier in der Stadt von »Unserer Lieben Frau« gehört oder gelesen. Sicherlich ist diese Titulierung nicht mehr so gebräuchlich wie früher. Man sagt heute »Muttergottes« oder »Gottesmutter Maria«.

Nun geht Ihnen bestimmt dieselbe Frage durch den Kopf wie mir damals: Wo ist sie denn, Unsere Liebe Frau von Traunstein? Also, speziell die von damals, zu der sich das Männlein flüchtete.

Als erstes ging ich hinauf zur Stadtpfarrkirche um mich genauer umzusehen. Es galt festzustellen, welche der Figuren oder Bilder der Muttergottes dort in St. Oswald in Frage käme für diesen Titel. Und dann stand auch noch die bange Frage im Raum, ob diese Madonna überhaupt noch existiert oder im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen war, denn die Stadt wurde ja 1851 von einem weiteren verheerenden Stadtbrand heimgesucht. Sie könnte auch in einer anderen Kirche Traunsteins aufbewahrt sein, oder gut verwahrt im Depot. Vielleicht gar nicht mehr in der Stadt, sondern in München… – verschiedenste Möglichkeiten taten sich da auf.

Aufgrund der Angaben auf dem Votivbild musste es sich um eine Figur (oder ein Bild) mit Entstehungsdatum vor 1704 handeln. Mittels Kirchenführer wollte ich so die Spur aufnehmen. Unsere Madonnen in St. Oswald sind:
1. das Maria-Hilf-Bild am hinteren südlichen Seitenaltar,
2. das Bild der Madonna di Ré, welches beim Stadtbrand 1704 unversehrt geblieben war, (heute in der Papstnische),
3. die Figur »Maria, Schlangenzertreterin«,
4. die Patrona Bavariae, links vom Tabernakel des Hochaltars.

Am wahrscheinlichsten schien bei dieser Auswahl die Nummer 2 zu sein, denn dieses Madonnenbild wurde vor 1704 geschaffen. Sollte das nun das gesuchte Liebfrauenbildnis sein, zu dem sich unser Bedrängter damals flüchtete?! Aber es fehlte ein Hinweis auf das Ausmaß der Verehrung dieses Bildes vor den anderen Darstellungen, denn sollte es sich um die gesuchte Madonna handeln, so sollten evtl. Votivtafeln vorhanden sein, welche die erbitteten Gnadenerweise dokumentierten, oder gestiftete Kerzen, vielleicht auch aus neuerer Zeit. Davon war aber nichts zu sehen und zu finden. So blieben also leise Zweifel.

Nun haben wir im Rathaus ein wunderbares Stadtarchiv – dort findet man zu vielen Themen und Fragestellungen Aufsätze, Bücher, Abhandlungen etc. Spannende und äußerst aufschlussreiche Lektüre. Natürlich auch über den Stadtbrand von 1704 und so las ich mich erstmal durch verschiedene Berichte über diese Schreckenszeit, in der Hoffnung Antworten auf offene Fragen zu finden, damit meine oben ausgeführte Theorie auf sicheren Beinen stehen würde.

Schließlich wurde ich fündig – allerdings: meine Theorie fiel komplett in sich zusammen.
Statt Enttäuschung bescherte mir die Recherche aber eine weitere, mir und sicher vielen anderen bis dato unbekannte Madonnenfigur; ebenfalls beim Brandgeschehen im August 1704 unversehrt in der zerstörten Kirche aufgefunden. Diese sollte den Aufzeichnungen zufolge in der St. Georg- und Katharinenkirche auf dem rechten Seitenaltar zu finden sein.
Ja, und in dieser 1639 neu erbauten St. Georgskirche steht nun diese denkwürdige Gnadenfigur – »Unsere Liebe Frau von Traunstein« zu der sich unser Männlein auf der Votivtafel flüchtete. Der Einwand, es könnte sich evtl. um eine andere Marienfigur handeln die damals in St. Oswald gestanden haben mag (so wie heute auch zwei Marienfiguren und zwei Marienbilder im Kirchenraum sind) lässt sich leicht ausräumen mit dem Hinweis, dass eben diese spezielle Madonna nicht vom Feuer des Stadtbrandes vernichtet wurde und durch dieses Wunder ihre Besonderheit unbestritten ist. Dazu kommt die Ähnlichkeit mit der Altöttinger Madonna und im Vergleich zum Bildnis »Madonna di Ré« (ebenfalls unversehrt nach dem Brand) eine große Statue, welche mehr beeindruckt als ein kleines Gemälde.

In früheren Zeiten gab es eine rege Wallfahrt; es heißt bis zu 19 000 Wallfahrer im Jahr kamen hierher zur Marienverehrung nach Traunstein, stifteten ihre meist riesigen, reich und teuer verzierten Wallfahrtskerzen, malten (oder ließen malen) Votivtafeln als Dank für Gebetserhörungen in den verschiedensten Anliegen. Schierghofer schreibt 1921 in den Chiemgaublättern: »Alte Wallfahrtsbildchen, die die Gottesackerkirche mit der darüber schwebenden Muttergottes darstellen und die heute noch dort abgesetzten Votivalien verleihen der Gottesackerkirche auch nach dieser Seite hin Wallfahrtscharakter.« Erwähnte Votivalien befinden sich leider keine mehr in St. Georg und Katharina.

Die bereits im Jahre 1500 gestiftete Messe für »Unsere Liebe Frau« eines vermögenden Bürgers oder von Stadt und Bürgerschaft weist schon sehr früh hin auf unsere Madonna. Ob unsere Figur aus so früher Zeit stammt gilt es erst noch auszuforschen bzw. durch Fachleute feststellen zu lassen.

Eigenartigerweise wird auf diese Traunsteiner Einzigartigkeit völlig vergessen. Nichts an deren Standort am rechten Seitenaltar in der St.Georg- und Katharinenkirche weist auf ihre innige Verehrung über Jahrhunderte hinweg hin. Fast kommt einem der Gedanke an Kindertage und frühe Schulerlebnisse in den Sinn, als man von der Frau Lehrerin wegen Unaufmerksamkeit während des Unterrichts nach der Stunde Eckerl stehen musste. Etwa eine viertel Stunde war man dazu verbannt mit dem Gesicht zur Wand zu stehen, zu schweigen und seine Untat abzubüßen, während die Lehrerin am Pult Korrekturen an Schüleraufsätzen erledigte.

So steht nun »Unsere Liebe Frau« mehr oder weniger unbeachtet, vernachlässigt – sowohl geistlich als auch äußerlich -, verlassen und so, als wäre es egal ob wir sie haben oder nicht, »im Eckerl«. Was gilt es dort abzubüßen? Die viele Hilfe und Fürsprache, die sie uns und unseren Vorfahren erbittet hat von ihrem Sohn? Die Freude, als Frucht der Andacht und des Gebetes, die sie uns schenkt?

Ein erster Schritt in Richtung Wiedergutmachung wäre, neben dem Gebet zu Unserer Lieben Frau von Traunstein, die Restaurierung der Gnadenfigur. Das sollte besonders heute am Fest Mariä Geburt das Anliegen aller Traunsteiner Marienverehrer sein. Das einst glänzende Kleid aus silberfarbener, bestickter (vermutlich) Seide ist deutlich ergraut und verschlissen. Die Oberfläche des Gesichtes der Muttergottes ist teilweise abgeblättert und macht einen »kränklichen« Eindruck. Laut Erzählung von Herrn Wilhelm Buchreiter könnte es sein, dass damals in den fünfziger oder sechziger Jahren, als man die dunkle Rußschicht vom Gesicht entfernen wollte, welche von den vielen Kerzenlichtern herrührte, nicht von Fachleuten gearbeitet wurde und so diese grobe Beschädigung entstand. Das lange Haar der Marienfigur, als auch der Haarschopf vom Kindl sollten durch einen Restaurateur entweder entfernt, erneuert oder speziell bearbeitet werden. Diese Haarpracht wurde ihr nachträglich angepasst, denn auf dem einzigen Foto das wir von früher haben, ist von Haaren nichts zu sehen.

Zu etwas Besonderem machen diese Komposition von Mutter und Kind auch die geschnitzten Beigaben links und rechts neben der Figur, in Form von jeweils einem, stark nach oben strebenden, schmalen Busch, bestehend aus grünen, länglichen Blättern, welche durchsetzt sind mit verschiedenfarbigen Blüten in rot, gelb, blau, bronzefarben und gold. Dieser dargestellte Busch scheint ob seines Blattwerks nicht aus unseren Gefilden zu stammen, sondern eher südlich beheimatet zu sein. Wiederum ungewöhnlich auch die Platzierung von fünf Kerzenhaltern mitsamt Kerzen an der hölzernen Rückwand, rund um die Figur. Zwei links, zwei rechts und eine zu ihren Füßen. Auf einem frühen Foto waren es nur zwei Kerzen; links und rechts unten neben den Füßen.

In dieser Ausführung stand sie wohl auch in St. Oswald am südlichen, hinteren Seitenaltar, dem Bäckeraltar (welcher übrigens die Möglichkeit birgt ein Heiliges Grab anzulegen, indem man die Vorderseite aufklappt), bis dann 1704 durch ein Wunder »Unsere Liebe Frau« vom Feuer verschont blieb und in die St. Georg- und Katharinenkirche übertragen wurde, wo die Heiligen Messen gefeiert wurden, denn St. Oswald war zerstört. Zwischendurch kam die Figur auf den Hochaltar, wo sich heute das schöne Gemälde »Mariä Krönung« befindet.

G. M. Holz



36/2007