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Geruchssinn häufiger bei mildem Covid-Verlauf eingeschränkt

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Geruchssinn
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Während die meisten Erkrankten nach durchschnittlich drei Wochen wieder riechen können, berichten einige noch Monate später von gestörten Sinneswahrnehmungen. Foto: Alexander Heinl/dpa Foto: dpa

Riechstörungen oder ein kompletter Verlust des Geruchssinns sind ein typisches Merkmal einer Corona-Infektion. Einer Analyse zufolge sind gerade Menschen mit mildem Covid-19 stark betroffen. Woran liegt das?


Paris (dpa) - Ein gestörter Geruchssinn oder gar dessen vollständiger Verlust gehört zu den häufigsten Symptomen einer Infektion mit Sars-CoV-2.

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Besonders oft betroffen sind offenbar Patienten mit mildem Erkrankungsverlauf, so das Fazit einer europäischen, im Fachblatt »Journal of Internal Medicine« vorgestellten Studie. Während die meisten Erkrankten nach durchschnittlich drei Wochen wieder riechen können, berichten einige noch Monate später von gestörten Sinneswahrnehmungen.

In die Untersuchung der Wissenschaftler um den Mediziner Jerome Lechien von der Universität Paris-Saclay gingen Daten von 2581 Covid-19-Patienten aus 18 europäischen Krankenhäusern ein, die von März bis Juni 2020 erhoben wurden. 2194 der Patienten hatten einen milden Covid-19-Verlauf (85 Prozent), 110 einen mittelschweren (4,3 Prozent) und 277 (10,7 Prozent) erkrankten schwer.

Basierend auf einer Befragung kamen Riechstörungen in der Gruppe mit milden Verläufen bei 85,9 Prozent, bei den moderaten Fällen bei 4,5 Prozent und in der Gruppe mit ernsthaften bis kritischen Verläufen bei 6,9 Prozent vor. Im Durchschnitt dauerte es nach Auskunft der Betroffenen gut drei Wochen, bis sie wieder normal riechen konnten. Fast ein Viertel der Erkrankten gab an, selbst nach 60 Tagen noch einen gestörten Geruchssinn gehabt zu haben.

Die Autoren schränken ein, dass die Befragungsergebnisse der ernsthaft Erkrankten dadurch beeinflusst sein könnten, dass viele von ihnen zeitweise durch eine Nasensonde ernährt werden mussten. Bei speziellen Tests wurde immer noch bei 54,7 Prozent der milden sowie bei 36,6 Prozent der moderat bis kritisch verlaufenden Covid-19-Fälle eine Beeinträchtigung oder der Verlust des Geruchssinns festgestellt.

Einer US-amerikanischen Meta-Analyse zufolge gehen durchschnittlich 77 Prozent aller Covid-19-Erkrankungen unabhängig von der Schwere des Verlaufs mit Geruchsstörungen einher. Im epidemiologischen Steckbrief zu Sars-CoV-2 gibt das Robert Koch-Institut zwar für nur 21 Prozent der erfassten Covid-19-Fälle in Deutschland eine Störung des Geruchs- und/oder Geschmackssinns an, betont aber auch, dass die deutlich höhere Prävalenz in veröffentlichten Studien »vermutlich aus der intensiveren Ermittlung solcher Symptome unter Studienbedingungen im Vergleich zu den im Meldewesen übermittelten Angaben« resultiere.

Von den Patienten, bei denen eine Störung des Geruchssinns durch einen speziellen Test bestätigt wurde, war dieser in der aktuellen Studie bei 15,3 Prozent nach 60 Tagen und bei 4,7 Prozent selbst nach sechs Monaten immer noch beeinträchtigt. Tatsächlich häufen sich insbesondere im Internet Erzählungen von Betroffenen, die Wochen nach einer oft mild verlaufenen Covid-19-Erkrankung weiter Probleme mit ihrem Geruchssinn haben.

Neben dessen vollständigem Verlust oder teilweisem Ausfall berichten manche, seit ihrer Erkrankung üble Gerüche wahrzunehmen. Dieses Phänomen, Parosmie genannt, wurde bereits vereinzelt in früheren Studien zu Covid-19-Symptomen beschrieben und bedeutet für die Betroffenen nicht selten einen hohen Leidensdruck - wie auch die Störung des Geruchssinns generell. Forscher der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und des Forschungszentrums Jülich haben einen »Riech- und Schmeck-Check« entwickelt, der online als Selbsttest durchgeführt werden kann.

Alles in allem erhole sich der Geruchssinn bei den meisten der Erkrankten, heißt es in der Studie. »Die olfaktorische Dysfunktion ist bei leichten Covid-19-Formen häufiger als bei mittelschweren bis schweren Formen, und 95 Prozent der Patienten erlangen ihren Geruchssinn sechs Monate nach der Infektion wieder«, fasst Hauptautor Lechien zusammen. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Störung des Geruchssinns vor allem bei mild Erkrankten auf eine im Vergleich zu schwerer Erkrankten unterschiedliche Antwort des Immunsystems zurückzuführen sein könnte.

Dieser Hypothese zufolge würde sich das Virus zwar nicht so weit im Körper ausbreiten, aber eine lokalen Entzündungsreaktion im Geruchssystem auslösen. Eine weitere Möglichkeit sei, so die Autoren, dass das Virus die Nervenzellen im Riechkolben (Bulbus olfactorius) schädige - die Dauer und Schwere der Geruchsstörungen würde dann davon abhängen, wie viele Geruchszellen betroffen sind. Die Nervenzellen des Geruchssystems sind in der Lage, sich zu erneuern, auch wenn dieser Prozess Monate dauern kann. Zur Klärung müssten weitere Analysen durchgeführt werden, in denen etwa Speichel und Nasensekrete untersucht würden.

© dpa-infocom, dpa:210108-99-939183/2