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Wiener Philharmoniker arbeiten NS-Zeit auf

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Clemens Hellsberg
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Ein Blick von außen auf die Wiener Philharmoniker sein längst fällig gewesen, findet Clemens Hellsberg. Foto: Georg Hochmuth Foto: dpa

Wien (dpa) - Lange Zeit sind die Wiener Philharmoniker für die zögerliche Aufarbeitung ihrer Rolle in der Nazi-Zeit kritisiert worden, nun stellen sie sich ihrer Vergangenheit.


Im Januar dieses Jahres öffnete das berühmte Orchester erstmals seine Archive für unabhängige Historiker, die sich mit der NS-Vergangenheit des Orchesters auseinandersetzen wollten. Gerade noch rechtzeitig zum 75. Jahrestag des sogenannten «Anschlusses» Österreichs an Nazi-Deutschland (12. März) liegen die Ergebnisse vor: Sie zeigen viele dunkle Flecken, aber auch einige Grauschattierungen.

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Mit vielen Aspekten muss man sich weiter auseinandersetzen, zeigen die am Sonntagabend präsentierten Studien der Historiker Oliver Rathkolb, Bernadette Mayrhofer und Fritz Trümpi. Ihre Forschungen sind nun auf der Homepage der Philharmoniker nachzulesen, zudem hat sich der ORF in einer TV-Dokumentation mit dem Thema beschäftigt.

Der Blick von außen sei «längst fällig» gewesen, sagte Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg: «Wir wissen, dass wir gemeinsam auf einem Weg sind.» Die Präsentation sei eine wichtige Etappe, aber sicher kein Schlusspunkt, sagte Staatsoperndirektor Dominique Meyer: «Es ist immer ein Schmerz, wenn man weiß, dass man in der eigenen Familie Schlechtes getan hat. Da ist es natürlich extrem schwierig, Aufklärung voranzutreiben. Aber Fakten sind Fakten, Geschichte kann man nicht rückgängig machen.»

Viele Erkenntnisse sind unrühmlich: 1942 waren 60 von 123 Philharmonikern NSDAP-Mitglieder. Im Vergleich zu anderen Institutionen und zur Gesamtbevölkerung mit rund zehn Prozent Parteimitgliedern sei das überdurchschnittlich viel gewesen, sagte Rathkolb.

Bereits vor dem sogenannten «Anschluss» 1938 hatten die Nazis im Orchester eine Liste jüdischer Musiker vorbereitet, die ausgeschlossen werden sollen, berichtete Mayrhofer. «Antisemitismus war Alltagspraxis im Orchester», berichtete sie in der Dokumentation. Durch die Verfolgung starben sieben Musiker, neun flüchteten ins Ausland.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges blieb den Forschungen zufolge eine Entnazifizierung weitgehend aus: Die meisten ehemaligen Parteimitglieder spielten weiterhin Konzerte. Nur vier Musikern wurden nach Kriegsende aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit gekündigt, sechs wurden pensioniert.

Generell hätten die Philharmoniker damals mit der Verleihung von Ehrungen an Nazi-Größen durch «höchst unrühmliche Anbiederung an das totalitäre und menschenverachtende NS-Regieme» versucht, sich die Gunst der Machthaber zu sichern, berichtete Rathkolb. Diese Ehrenringe und Medaillen seien bis heute nicht aberkannt worden. Besonders pikant: Die Historiker weisen darauf hin, dass noch Mitte der 1960er Jahre dem verurteilten NS-Kriegsverbrecher Baldur von Schirach nach dessen Entlassung aus der Haft ein Ehrenring wahrscheinlich von dem damaligen Philharmoniker-Geschäftsführer erneut überreicht worden war. Von Schirach war während der Nazi-Zeit Chef der Hitlerjugend und Gauleiter von Wien.

Die Recherchen zeigen auch, dass die Geschichte zwar düster, aber auch vielschichtig ist: So soll sich einer der glühendsten Nazis des Orchesters gegen die Deportation jüdischer Kollegen gestellt haben. In einem Fall habe er die Entlassung eines Musikers aus dem KZ Dachau bewirkt. Andere sollen ihre Kollegen mit einem jüdischen Elternteil oder mit jüdischer Frau aktiv beschützt haben. «Es sind unangenehme Botschaften, die wir hier vermitteln, es sind aber auch überraschende Grautöne, die hier auftreten», sagte Rathkolb.

NS-Zeit auf Homepage der Philharmoniker