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Wie Songwriter in Würde altern: Vega, Finn, Crosby

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Suzanne Vega
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Zum Niederknien: Suzanne Vega. Foto: George Holz Foto: dpa
Neil Finn
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Ein Mann für Highlights: Neil Finn. Foto: Lester Records via Kobalt Label Services Foto: dpa
David Crosby
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David Crosby kann es noch. Foto: Django Crosby Foto: dpa

Berlin (dpa) - Wie man als Singer/Songwriter in Würde altert, beweisen drei Große dieser Zunft: Suzanne Vega, Neil Finn und David Crosby - alle solides Mittelalter oder auch darüber, insgesamt 181 Lebensjahre - liefern tolle neue Alben ab.


Suzanne Vega (54): Comeback nach Maß

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Ladies first: Suzanne Vega schafft auf ihrem Ende Januar erschienenen Werk mit dem Bandwurmtitel »Tales From The Realm Of The Queen Of Pentacles« (Cooking Vinyl) eine Rückkehr zur Form, wie sie im (Comeback-)Buche steht. In einer vom Label vorsichtig als »kreative Auszeit« bezeichneten siebenjährigen Karrierephase hatte die jetzt 54-jährige Amerikanerin auf vier Platten alte Lieder neu eingespielt - der Erkenntnisgewinn hielt sich auch für treue Fans in Grenzen. Nun also endlich wieder frisches Material von der noblen Folkpop-Dame, die Ende der 80er Jahre mit Hits wie »Luca« oder »Tom's Diner« zum Weltstar wurde.

Anhänger dieser leisen Vega-Songs werden auch auf der neuen Platte so einiges finden, etwa das herrliche »Portrait Of The Knight Of Wands« oder »Silver Bridge«. Aber »Tales...« entwirft ein wesentlich vielfältigeres, überraschenderes Bild: Schwere Gitarren (»I Never Wear White«, »Laying On Of Hands«), Orient-Einflüsse (»Don't Uncork What You Can't Contain«), Angeschrägtes mit Orchester und durchgehendem Handclap-Rhythmus (»Jacob And The Angel«), muskulöser Folkrock mit Banjo und üppigen Strings.

Und natürlich bezaubert nach wie vor die intensiv schmeichelnde, weltkluge Stimme der Vega, ein offenkundig völlig altersloses Instrument. Mit Gail Ann Dorsey und Tony Levin legten zwei Meister-Bassisten die Grundlage für einen erstaunlich kraftvollen Sound, hinu kamen Top-Studiomusiker wie Jay Bellerose (Drums) oder Larry Campbell (Mandoline). Den Schlusspunkt setzt Alison Balsom vom London Chamber Orchestra mit einem prachtvollen Trompeten-Solo in »Horizon«. Kurzum: »Tales...« ist ein äußerst variables, durchweg starkes Album, wie man es Suzanne Vega nach diversen Karriere-Durchhängern nicht mehr zugetraut hatte.

Neil Finn (55): Familienbande statt Promi-Hilfe

Auch die Sorge um Neil Finns Songwriter-Muse war verfrüht: Mit seinem dritten Soloalbum glückt dem Neuseeländer ein grandioses Kreativ-Comeback. »Dizzy Heights« (Lester/Rough Trade) entfernt sich dabei so weit vom vertrauten Terrain, wie es dem 55-jährigen Frontmann von Crowded House mit Welthits im Gepäck (»Don't Dream It's Over«, »Weather With You«) überhaupt möglich war. Finn lässt spukige Streicher flirren (»Impressions«, »White Lies And Alibis«), verfremdet seine Stimme oder presst sie ins Falsett. Er irritiert mit Kriegsflugzeug-Samples (»Divebomber«), errichtet mächtige Klangwände mit Gitarre oder Keyboards und wird am Schluss - im bewegenden »Lights Of New York« - ganz leise.

Die waghalsige Produktion von David Fridmann hat mit dem klaren Beatles-Gedächtnissound von Crowded House also nur noch wenig zu tun. Wer indes befürchtet, dass Finn sich vollständig zu sperriger Avantgarde verstiegen hat, findet immer noch genug schöne Melodien - etwa im eleganten Soul des Titelsongs oder in der eingängigen Ballade »Recluse«.

Im Gegensatz zu Finns Solo-Ausflügen »Try Whistling This« (1998) und »One Nil« (2001) sowie hochwertigen Kollaborationen (Seven Worlds Collide) haben diesmal keine Promi-Gäste geholfen. »Dizzy Heights« war überwiegend Familiensache: Ehefrau Sharon (Bass) sowie die Söhne Liam (Gitarre) und Elroy (Schlagzeug) legten die Basis der elf Songs. Finns und Fridmanns Experimentierfreude im Studio ließ das Album dann zu etwas Außergewöhnlichem wachsen: zu einem Karriere-Highlight nach rund 35 Jahren im Pop-Business.

David Crosby (72): Die Legende lebt weiter

Wie oft war er schon totgesagt - sowohl in kreativer Hinsicht als auch wegen gesundheitlicher Probleme (Drogen! Trunksucht! Lebertransplantation!). Mit seinem ersten Soloalbum seit gut 20 Jahren zeigt es David Crosby nun aber nochmal allen verfrühten Nachrufern: »Croz« (Blue Castle/ADA/Warner) ist ein trotziges Lebenszeichen des 72-Jährigen, der als Mitglied der Byrds und der Woodstock-Helden Crosby, Stills, Nash & Young Unsterblichkeit erlangte. Mit »If I Could Only Remember My Name« taucht er auch als Singer/Songwriter unter eigener Flagge regelmäßig in den ewigen Bestenlisten auf, zuletzt im deutschen »Rolling Stone«.

Einen Legendenstatus wie dieser zwischen Folk, Rock, Jazz und Psychedelia schillernde Solo-Geniestreich von 1971 wird »Croz« wohl nicht erlangen, aber viel schwächer ist Crosbys Alterswerk nicht. Auch ohne seine Mitstreiter Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young hört man herrliche Harmony-Vocals, die glitzernde Produktion von Crosbys Sohn James Raymond strotzt vor Kraft und Wärme, die helle Stimme des älteren Herrn klingt verblüffend unverbraucht und schmiegt sich an Arrangements, die erneut hohe Jazz-Anteile enthalten (ein Beispiel von vielen: »Find A Heart« mit Steve Tavaglione Saxofon- und Raymonds Piano-Soli).

Mit Tourneen im Kreis seiner alten Kumpels (vor allem Nash und Stills, Neil Young hat meist anderes zu tun) verwaltet Crosby seit vielen Jahren sein Lebenswerk. Die elf neuen Lieder sind nun eine Zugabe, wie man sie kaum mehr zu erhoffen wagte. Nichts Neues zwar, aber wer wollte von diesem Folkrock-Veteranen auch Anderes hören als nostalgischen, altersweisen Westcoast-Edelstoff wie etwa »Time I Have«: »People do so many things that make me mad, but angry isn't how I want to spend what time I have...« Danke, David! Und weiter alles Gute.

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