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Wie europäisch ist Europa?

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Sir Simon Rattle
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Der Dirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, probt mit dem Orchester in der Philharmonie in Berlin. Foto: Tim Brakemeier Foto: dpa
Spaghetti
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Wer würde schon auf die italeinsiche Küche verzichten wollen? Foto: Jan Woitas Foto: dpa

Berlin (dpa) - »Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa«, pflegt Angela Merkel zu sagen. Sie meint damit: Wenn die Währungsunion zurückgedreht würde, wäre dies ein so schwerer Rückschlag für den europäischen Einigungsprozess, dass das gesamte Projekt diskreditiert wäre.


Europa würde abgewickelt. Merkels Kritiker halten dagegen, mit dieser Radikalthese versuche sie nur, ihre eigene Politik als alternativlos hinzustellen. Europa sei viel mehr als der Euro. Europa verbinde zum Beispiel eine gemeinsame Kultur.

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Natürlich sind die Länder der Europäischen Union nicht nur wirtschaftlich aufs Engste miteinander verflochten. Auch der kulturelle Austausch ist intensiv. Tausende Romane werden jedes Jahr übersetzt und millionenfach gelesen. Große Bauten müssen europaweit ausgeschrieben werden.

Künstler und Kulturmanager wechseln ganz selbstverständlich von einem Land ins nächste: Der Brite Sir Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker, das Van-Gogh-Museum in Amsterdam und das Victoria and Albert Museum in London wiederum werden von Deutschen geführt.

Man isst beim Italiener oder Griechen, hört englischsprachige Popmusik und fährt nach Spanien in Urlaub. Doch es ist die Frage, ob man deshalb schon von einer europäischen Kultur sprechen kann.

Als sich Großbritannien bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London der Welt präsentierte, hob es ausschließlich seine eigenen kulturellen Errungenschaften hervor. Nun sind die Briten nicht gerade als die flammendsten Europäer bekannt. Doch auch die Deutschen zählten im weiteren Verlauf der Spiele immer nur fleißig ihre eigenen Medaillen - es war Deutschland gegen den Rest der Welt. Die Schlussfolgerung kann nur lauten: Die europäische Identität ist nur eine von mehreren - und nicht gerade die stärkste.

Der Berliner Historiker Arnd Bauerkämper, ein Spezialist für Vergleichs- und Verflechtungsgeschichte, warnt davor, den europäische Einigungsprozess als etwas Unumkehrbares zu betrachten. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte Europa schon einmal ein erstaunliches Niveau an Freizügigkeit erreicht. Man konnte damals quer über den Kontinent reisen, ohne seinen Pass vorzuzeigen. Es gab den Typ des europäischen Bildungsbürgers, wie er etwa in Thomas Manns »Zauberberg« auftritt.

Das damalige Niveau des internationalen Warenaustausches wurde erst in den 60er Jahren wieder erreicht. »Die Geschichte ist offen, man muss aufpassen«, sagt Bauerkämper. »Wir sind auch heute nicht völlig gefeit vor Rückfällen.« Eine wirklich schwere Krise hält er allerdings für äußerst unwahrscheinlich, »weil das Zusammenwachsen heute ein ganz anderes Niveau erreicht hat«.

Vielleicht wird die europäische Identität auch nur unterschätzt, weil sie so selbstverständlich ist, dass man sie kaum wahrnimmt. »Erst außerhalb von Europa fühlt man sich als Europäer«, sagt der niederländische Schriftsteller Geert Mak (»In Europa«) der Nachrichtenagentur dpa. Aus der Entfernung, aus Amerika oder Asien, nimmt man mit einem Mal nicht mehr die viele kleinen Unterschiede wahr, mit denen sich die europäischen Nationen voneinander abgrenzen, sondern sieht das Verbindende: gemeinsame Umgangsformen, Essgewohnheiten, Vorlieben, Interessen, Überzeugungen.

Der Historiker Philipp Blom (»Der taumelnde Kontinent«) ist der Meinung, dass die Europäische Union und ihre Mitgliedsländer diese verbindenden Werte stärker herausstellen müssten: »Eine gemeinsame Medienöffentlichkeit wäre sehr wichtig. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen: Wir brauchen eine europäische Seifenoper. Damit wir uns unserer Gemeinsamkeiten bewusstwerden.«

Website von Philipp Blom

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