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Wie die «Armory Show» Amerika schockte

New York (dpa) - Die deutlichste Kritik kommt von ganz oben: «Das ist doch keine Kunst», schimpft der frühere US-Präsident Theodore Roosevelt nach einem Besuch in der «Armory Show».

Moderne Kunst
Blue Nude (1907) von Henri Matisse. Das Gemälde gehörte zur so genannten Armory Show. Foto: The Baltimore Museum of Art: The Cone Collection, BMA 1950.228 Copyright: 2003 Succession H. Matisse, Paris/Artists Rights Society (ARS) Foto: dpa

In einer Kaserne in Manhattan zeigt die Ausstellung Werke von europäischen Künstlern: Unter anderem Pablo Picasso, Henri Matisse, Paul Gauguin und Marcel Duchamp - die meisten davon zum ersten Mal in den USA. Realistische Malerei kennt und schätzt das amerikanische Publikum, aber nun hängen auf einmal abstrakte und knallbunte Bilder an den Wänden und dann auch noch mit so vielen nackten Frauen darauf. «Schockiert und entsetzt» hätten die Besucher reagiert, schreibt die «New York Times». «So etwas hatte New York noch nicht gesehen.»

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Die heute längst legendäre «Armory Show», die das Kunstverständnis Amerikas für immer verändern sollte, öffnete am Sonntag (17. Februar) vor genau 100 Jahren zum ersten Mal ihre Türen. Zuvor hatte eine Gruppe von US-Künstlern mehr als ein Jahr lang geplant, organisiert und ausgewählt. Sie verfolgten die Arbeit ihrer europäischen Kollegen schon seit langem und wollten die Werke endlich auch einmal in die USA holen. Maler wie Paul Cézanne oder Pablo Picasso und Stilrichtungen wie Kubismus und Fauvismus waren dort damals noch so gut wie unbekannt.

Schließlich hingen und standen 1300 Bilder und Skulpturen von mehr als 300 Künstlern an den Wänden einer Kaserne in Midtown Manhattan. Darunter waren bedeutende Werke wie Henri Matisses Bilder «Blauer Akt (Erinnerung an Biskra)» und «Madame Matisse: Madras Rouge», sowie Marcel Duchamps' «Akt, eine Treppe herabsteigend, Nr.2». Auch amerikanische Maler waren schließlich mit einiger Verspätung im Planungsprozess doch noch berücksichtigt worden - aber in den entsprechenden Räumen der Ausstellung habe sich nur selten jemand aufgehalten, schreibt die «New York Times».

Vor den Neuheiten aus Europa dagegen drängelten sich die Menschen. Die umstrittene Schau wurde zum Publikumsrenner. Die Besucher waren schockiert, entsetzt - und begeistert. Die Schau zog die Menschen an wie ein Magnet und die zahlreichen Verrisse in den Zeitungen verstärkten diesen Effekt nur noch. Ganz langsam wandelte sich das Ansehen der Schau und nach und nach tauchten auch die ersten positiven Besprechungen auf. Er sei dankbar für den «Schock für unsere ästhetischen Sinne», schrieb ein Kritiker.

Und so wurde aus dem anfänglichen Entsetzen doch noch der Beginn einer innigen und immer noch heißen Liebesbeziehung. Den ersten großen Schritt machte das Metropolitan Museum und kaufte das in der Ausstellung präsentierte Werk «La Colline des pauvres» von Paul Cezanne. Nach dem Ende der «Armory Show» öffneten zahlreiche neue Galerien für moderne Kunst in der Stadt. Amerikanische Künstler nahmen die Einflüsse aus Europa stärker auf und entwickelten daraus im darauf folgenden Jahrhundert ihre eigenen Varianten moderner Kunst. Und in diesem Jahr feiert New York, in dessen Museen heute längst viele der bedeutendsten Werke europäischer Kunst der damaligen Zeit beheimatet sind, mit gleich zwei neuen Ausstellungen den 100. Geburtstag der «Armory Show».

Bericht der «New York Times»