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Sehnlichst erwartet: Grizzly Bear, The xx, Animal Collective

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Grizzly Bear
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Die Bären mussten sich wieder neu begegnen. Foto: Barbara Anastacio Foto: dpa
The xx
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Große Minimalisten: The xx. Foto: Jamie-James Medina Foto: dpa
Animal Collective
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Wild und mutig: Animal Collective. Foto: Brian Deran Foto: dpa

Berlin (dpa) - Es gibt sie noch, jene Platten, die von Fans und Kritikern quasi mit angehaltenem Atem erwartet werden. Drei solche Alben sind gerade erschienen - Hipster-Musik für den Herbst von Grizzly Bear, The xx und Animal Collective.


Unter den im Wochentakt veröffentlichten Werken dreier höchst angesagter Indie-Bands ist «Shields» (Warp/Rough Trade) von Grizzly Bear vielleicht das überraschendste, da es am weitesten vom bisherigen Weg abweicht. Drei Jahre nach den paradiesischen Beach-Boys-Referenzen des Durchbruch-Albums «Veckatimest» (immerhin Platz 8 der US-Charts und einer der Kritiker-Favoriten 2009) steuert das Quartett aus dem hippen New Yorker Vorort Brooklyn nun in Richtung einer Art Progressive-Folkrock.

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Mit Prog-Dinos wie Yes, Genesis oder Supertramp hat das freundlicherweise wenig zu tun. Eher haben die herrlichen Satzgesänge der Fleet Foxes, mehr noch die Radiohead-Songs der «OK Computer»-Phase ihre Spuren im Sound von «Shields» hinterlassen. Zumal Ed Droste oft ähnlich versunken und in eindringlichen Falsett-Tönen singt wie Thom Yorke (Anspieltipp: «The Hunt»). Auch die verschachtelten und dennoch griffigen Melodien erinnern an das Radiohead-Meisterwerk der späten 90er Jahre.

Was sich zum Glück nicht verändert hat: Droste, Schlagzeuger Chris Bear, Bassist Chris Taylor und Gitarrist Daniel Rossen erweisen sich auch auf ihrem vierten gemeinsamen Album seit 2004 als ausgefuchste Arrangeure, die aus zahllosen Soundschichten eine so komplexe wie zugängliche Popmusik entstehen lassen. Stets trommelt oder klöppelt es aus irgendeiner Ecke des pickepacke vollen Klangraums, magische Bläser-, Streicher- oder Orgeltöne tauchen auf und verschwinden, psychedelische Gesänge schwirren hin und her.

Dass diese fabelhaft produzierte Platte erst nach einer längeren Phase der Wiederannäherung entstand, hört man ihr jedenfalls nicht an. Die Grizzlybären hatten nämlich seit ihrem Durchbruch Solo- oder Nebenprojekte verfolgt und sich etwas aus den Augen verloren. «Wir alle hatten unterschiedliche Sachen erlebt und standen danach an vollkommen verschiedenen Punkten», sagt Rossen. «Wir alle mussten einander wieder neu begegnen.»

Spätestens wenn «Shields» nach rund 40 Minuten auf den atemberaubenden, von Orchester-Passagen und Klavier dominierten Schlusssong «Sun In Your Eyes» zusteuert, weiß man, dass der Hype um Grizzly Bear eine mehr als reale Grundlage hat. Auch auf das fünfte Album dieser Band wird man wieder gespannt warten.

Beim Zweitling des ebenfalls mit Lob überschütteten Londoner Trios The xx ist das Albumcover-Design schon mal praktisch gleich geblieben - ein großes, ausgeschnittenes x in der Mitte, sonst nichts. Und doch hat sich optisch etwas verändert: Das Cover ist weiß statt schwarz, und der Buchstabe des Bandnamens glänzt wunderschön metallisch in den Farben einer öligen Wasserpfütze. Die Musik von «Coexist» (Young Turks/Beggars) wirkt ähnlich: Sie ist vielfältiger, heller, schillernder als auf dem so sensationell erfolgreichen Debüt von 2009.

Genau wie damals kann man den Mut der drei jungen Musiker nur loben, die mit ihren auf Reduktion setzenden Songs ein ganz eigenes Ding machen. Natürlich standen der ruhige Postpunk und Gothic-Pop der frühen 80er Jahre (Joy Division, The Cure, The Comsat Angels) Pate für diesen wunderbar entspannten, fast phlegmatischen Sound. Und die zarte Stimme von Gitarristin Romy Madley Croft, die sich oft mit dem warmen, raunenden Gesang von Bassist Oliver Sim verschlingt, erinnert nicht selten an Tracey Thorn (Everything But The Girl).

Aber insgesamt ist der Eigenanteil an den elf «Coexist»-Liedern doch so hoch, dass niemand auf die Idee kommen dürfte, hier seien lediglich drei schwarzgewandet-düstere Wave-Epigonen am Werk. Zumal mit Jamie Smith die Geheimwaffe von The xx im Hintergrund sitzt. Er zeichnet für Synthesizer, Piano, Orgel und jene Steeldrums verantwortlich, die etwa «Reunion» seine exotische Atmosphäre verleihen.

Manchen Songs spendiert dieser schon in jungen Jahren extrem gewiefte Beats-Tüftler gar einen dezenten Dance-Einschlag («Tides», «Swept Away»), ohne dass die Innerlichkeit und Zerbrechlichkeit des Klangs leidet. Und wie The xx den Raum zwischen den Tönen genauso wichtig nehmen wie die Töne selbst, das muss man gehört haben. Großes Dreampop-Kino, am besten über Kopfhörer zu genießen. Auch im Falle von The xx gilt also: Hohe Erwartungen - locker erfüllt!

Im Gegensatz zu den luftig strukturierten Liedern der drei Londoner Youngster agiert die aus Baltimore stammende Formation Animal Collective immer hart an der Grenze zu Avantgarde oder Chaos. Dennoch wurde ihr - wie auch die ersten Erfolgsalben von Grizzly Bear und The xx 2009 erschienenes - Werk «Merriweather Post Pavilion» ein Riesenerfolg bei Käufern (Platz 13 der US-Charts) und Kritik (Platte des Jahres in vielen Bestenlisten).

Auch der Nachfolger «Centipede Hz» (Domino) ist wieder ein durchaus massentaugliches Album für Feinschmecker und Freunde moderner, grenzüberschreitender Popmusik. Wummernde und fiepende Synthies, wüstes Getrommel, entrückte oder verzerrte Vocals in Flaming-Lips-Nähe, schräge Radio-Samples und meist refrainlose Melodien, die auch mal innerhalb eines Songs die Richtung wechseln - das ergibt einen ziemlich einzigartigen Cocktail, der mächtig zu Kopf steigen kann, im Extremfall aber auch Kopfschmerzen verursacht.

Animal Collective - das sind David Portner alias Avey Tare, Noah Lennox (Panda Bear), Joshua Dibb (Deakin) und Brian Weitz (Geologist) - liefern also mit «Centipede Hz» ein experimentelles, psychedelisches Album ab. Man stelle sich die bunten Lavalampen aus den 70er Jahren dazu vor, oder das stetige Geblubber greller Farben in einem angesagten Underground-Kellerclub. Wenn es eine Art Referenzplatte für den oft zitierten «Freakfolk» der US-Indie-Szene gibt, dann ist es dieses wilde, mutige Album.

Konzerte: - Grizzly Bear: 30.10. Hamburg; 31.10. Berlin, 2.11. Köln - Animal Collective: 17.11. Weissenhäuser Strand (Rolling Stone Weekender); 18.11. Berlin

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