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Sarrazins Kampf gegen den vermeintlichen «Tugendterror»

Thilo Sarrazin
Thilo Sarrazin .2011 in Tutzing bei der Frühjahrstagung des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie. Foto: Andreas Gebert Foto: dpa

Berlin (dpa) - Mangelnde Produktivität kann man Thilo Sarrazin nicht vorwerfen. In knapp vier Jahren legte er drei dicke Sachbücher vor - und sorgte mit «Deutschland schafft sich ab» für Aufregung und Empörung wegen seiner Islamkritik und Thesen über die Vererbung von Intelligenz.


Das aktuelle Buch «Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland» (24. Februar) wird vermutlich erneut heftige Reaktionen der Sarrazin-Gegner auslösen.

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Im Zentrum steht die frühere Auseinandersetzung mit seinen Kritikern. Ob das Buch dem ehemaligen Berliner SPD-Finanzsenator und späteren Bundesbank-Vorstand allerdings die möglicherweise insgeheim erhoffte Rehabilitation bringen wird, ist fraglich.

Dem Erfolg bei den Lesern tut das offensichtlich keinen Abbruch. Bei Amazon stand «Der neue Tugendterror» schon vor dem Erscheinen in der Rubrik Politik auf dem ersten Platz der Bestseller-Liste, vor Nelson Mandela und Gerhard Schröder.

Vordergründig geht es dem 69-jährigen Autor um die Geißelung des deutschen Gutmenschtums, das auf moralisch korrekte Gesinnung anstatt auf Fakten setze. Bestimmte Thesen, Aussagen und Debatten seien wegen der dominierenden «Political Correctness» in öffentlichen Diskussionen nicht zulässig, schreibt Sarrazin. Durch Medien und Politik hätten sich «verdeckte Formen der (...) Kontrolle von Meinungen herausgebildet».

Ausführlich führt er Beispiele an, wie Journalisten und Politiker ihn 2010 falsch verstanden, falsch zitiert und diffamiert hätten. Grund seien seine Verstöße gegen unausgesprochene Konsensregeln gewesen: indem er den Islam als undemokratisch und rückständig kritisiert, kulturelle Unterschiede zwischen Völkern benannt, den Erhalt der deutschen Kultur und Nation gefordert und die klassische Familie und Ehe über eine «Homosexuellen-Gemeinschaft» gesetzt habe.

«Beleidigt hatte ich das Weltbild der Verharmloser und Schönfärber im harmoniefreudigen Müsli-Milieu. Das löste offensichtlich den Hass aus», schreibt Sarrazin. Die Folgen seien das Gegenteil einer sachlichen Auseinandersetzung gewesen. Besonders ärgert ihn: «Noch heute setzen sich die Kritiker des Buches zum allergrößten Teil aus jenen zusammen, die es nicht gelesen haben.»

Schon nach Sarrazins viel kritisierten Aussagen in der Zeitschrift «Lettre International» im Jahr 2009 hatte Altkanzler Helmut Schmidt dem irritierten «Zeit»-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo gesagt, er unterstütze die Thesen: «Weil ich sein Interview ganz gelesen habe - im Gegensatz zu vielen Journalisten.»

Den Vorwurf, er sei ein Rassist, weist Sarrazin mit Blick auf das gescheiterte Ausschlussverfahren der SPD gegen ihn zurück. Inhalte und Thesen des ersten Buches hätten erwiesenermaßen in keinem Widerspruch zum Grundsatzprogramm der Partei gestanden.

Ausführlich geht es zudem um Meinungsbildung und Sprache. Den Wandel von Sprache unter dem Druck von Politik und Moral - etwa von «Zigeuner» über «Roma» bis zu «rumänischen Einwanderern - hält Sarrazin für überflüssig. Es ändere sich nur die Begrifflichkeit, nicht aber das Faktische. Dass gerade Sprache diskriminieren kann, zumal im Empfinden der Betroffenen, ignoriert er geflissentlich.

«Der neue Tugendterror» schließt mit «14 Axiomen des Tugendwahns», die laut Sarrazin das Meinungsklima bestimmen. In ironischen Behauptungen listet er auf: Reiche sollten sich schuldig fühlen, Völker sind nicht verschieden, alle Kulturen sind gleichwertig, der Islam ist eine Kultur des Friedens, Männer und Frauen haben bis auf ihre Physis keine Unterschiede, das klassische Familienbild hat sich überlebt. Dem gegenüber stellt er dann seine eigene «Wirklichkeit».

Sarrazin wird sich auch mit diesem Buch nicht auf einer gemeinsamen Ebene der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern treffen. Zu konservativ-national schreibt er, zu dogmatisch und überspitzt sind manche Behauptungen, zu sehr argumentiert er volkswirtschaftlich und sieht dabei bewusst über psychologische Effekte und Gefühle hinweg, die besonders das links-liberale Spektrum prägen.

Dass die Meinungsfreiheit durch seine eigene Ausgrenzung im Kern bedroht ist, widerlegt Sarrazin selbst, indem er Wissenschaftler, Politiker, Autoren und Journalisten zitiert, die ihn öffentlich unterstützten - auch wenn sie wenig gehört wurden.

Die eigentliche Intention des Autors meint der «Spiegel»-Kolumnist Jan Fleischhauer zu erkennen: Sarrazin sehne sich nach Anerkennung durch jene Kreise, in denen er sich früher als Finanzexperte bewegte. «In diesem Milieu ist Sarrazin durch seine Bücher zum Außenseiter geworden. Das ist die Ausgrenzung, die ihn schmerzt und gegen die er eigentlich anschreibt.» Sarrazin selbst würde das vermutlich bestreiten. Die Botschaft hört der Leser des Buches wohl.

Thilo Sarrazin: «Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland», 400 Seiten, ISBN: 978-3-421-04617-8, 22,99 Euro.