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Prachtvoll: John Grant mit The Czars und solo

Berlin (dpa) - Manchmal ist der Weg zum Erfolg unergründlich: Warum der wunderbare Sänger John Grant erst solo, aber nie mit seiner Band The Czars den Durchbruch schaffte, lässt sich mit künstlerischer Entwicklung oder Kommerz-Logik kaum erklären.

John Grant
Mit seiner Band The Czars blieb er ein Geheimtipp, solo gelang John Grant schließlich der längst fällige Durchbruch. Foto: Cooperative Music Foto: dpa
The Czars
The Czars hätten mehr Aufmerksamkeit verdient. Foto: Cooperative Music Foto: dpa

Wer «The Best Of The Czars» aus den Jahren 2000 bis 2004 und die fast zeitgleich veröffentlichte Platte «John Grant With The BBC Philharmonic Orchestra - Live In Concert 2014» (beide Bella Union/Pias/Cooperative) hört, erkennt viele Gemeinsamkeiten: Grant war und ist ein hoch emotionaler, mit voluminösem Bariton gesegneter Sänger, ein kluger, sensibler Texter, seine zu Bombast und Schönklang neigende Musik beruht stets auf barock anmutendem Folk, prachtvollem Pianopop und melodieseligem Indierock.

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Als hätten Harry Nilsson, Jeff Buckley, Rufus Wainwright und Elton John zu einer Traum-Session zusammengefunden. Oder so ähnlich. Auf den gefeierten Solo-Alben «Queen Of Denmark» (2010) und «Pale Green Ghosts» (2013) kamen gelegentlich noch kühle Elektronik und gar Dance-Beats hinzu - einhergehend mit Grants homosexuellem Outing und ein HIV-Diagnose.

Im Live-Kontext mit dem 60-köpfigen BBC Philharmonic Orchestra fällt diese Entwicklung - weg vom opulenten Americana-Sound in Richtung Pop-Moderne - weniger auf, da die Streicher- und Bläser-Arrangements Grants neuere Lieder hier so sinfonisch erstrahlen lassen wie nie zuvor. Und damit sind sie wieder ein ganzes Stück näher am getragen-feierlichen Czars-Klang. Herzzerreißend schöne Balladen aus seiner Band-Zeit wie «Drug», «Lullaby 6000» oder «My Love» hätten auch nahtlos auf Grants Solo-Alben gepasst.

Mit dem Quintett aus Denver/Colorado blieb der heute 46-Jährige immer ein Geheimtipp - wenn auch ein von Eingeweihten und  Kritikern mächtig abgefeierter. Die Czars waren mit ihrer Wucht, auch der furchtlosen Nähe zum Kitsch Anfang der Nuller-Jahre wohl ihrer Zeit voraus. Die Best-of-Compilation präsentiert nun in 16 Songs die künstlerische Frühphase des großen Sängers John Grant und zugleich eine Band, die es neu zu entdecken gilt. Vier Czars-Alben, davon eine mit Cover-Versionen, sind noch erhältlich.

Die Gegenwart sieht für Grant, der aus tiefen Depressionen und seinen gesundheitlichen Problemen offenkundig herausgefunden hat, ziemlich vielversprechend aus. Das Londoner Orchester-Album wird bereits als eine der stärksten Live-Aufnahmen der vergangenen Jahre gepriesen, sein Ruf in Musiker- und Kritikerkreisen könnte kaum besser sein, seine Musik bringt ihm endlich Geld ein, sein nächstes Studio-Werk wird mit Spannung erwartet. Manchmal ist das Leben dann doch gerecht.

Website John Grant

The Czars bei Bella Union