weather-image
18°

Ostermaier-Uraufführung «Ein Pfund Fleisch»: Liebe wird zur Ware

0.0
0.0
«Ein Pfund Fleisch»
Bildtext einblenden
Shylock (Dominique Horwitz) boxt auf eine Schweinehälfte ein. Foto: Daniel Bockwoldt Foto: dpa

Hamburg (dpa) - Kapitalismuskritik ist das angesagte Thema an unseren Staatstheatern. Unerbittlich rechnen Autoren in neuen Stücken und Projekten, aber auch Regisseure in Klassikerinszenierungen mit den entfesselten Märkten und ihren zerstörerischen Folgen für den einzelnen Menschen und sein Innenleben ab.


Das ist wohl immer gut gemeint, aber nicht immer gut - nicht immer darf der Zuschauer sich geistig bereichert fühlen. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg etwa hatte jüngst Szenestar René Pollesch bei durchwachsener Besucherresonanz mit seinem sarkastischen Schinken «Neues vom Dauerzustand» die Saison eröffnet.

Anzeige

Dort hat am Freitagabend Albert Ostermaiers «Ein Pfund Fleisch» Uraufführung gefeiert, die zweite Auftragsarbeit des Hauses. Nur freundlichen Beifall spendete das Publikum dem knapp anderthalbstündigen Stück, das den Kapitalismus und seine virtuellen Geldgeschäfte mit Motiven aus William Shakespeares «Der Kaufmann von Venedig» von 1596 geißelt. Kleist-Preisträger Ostermaier (44) gilt als einer der angesehensten Dramatiker, Lyriker und Romanciers, lange war er Hausautor am Wiener Burg-Theater. Was er diesmal zu sagen hatte, erschien so reduziert wie die Inszenierung des jungen Dominique Schnizer.

Auf kahler, weißer Bühne (Ausstattung: Christin Treunert) hängt am Fleischerhaken eine blutige Schweinehälfte. Hinten, halb verdeckt, stehen ein paar Anzugträger und eine junge Frau, die aussieht wie ein Model. Verbissen schlägt in der Mitte ein Mann im Business-Outfit mit Boxhandschuhen auf das Schwein ein. «Am besten kauft man dann, wenn das Blut auf den Straßen klebt», schreit er, «dann fallen die Preise». Es ist Shylock (Dominique Horwitz), der jüdische Banker von Venedig, den Shakespeare in seinem vielschichtigen Drama dem christlichen Kaufmann Antonio (Michael Prelle) Geld leihen lässt um den Preis, dass er im Fall des Nichtzurückzahlens ein Stück Fleisch aus dem Körper Antonios schneiden darf.

Gibt es beim britischen Renaissance-Dichter bei aller Bitterkeit noch einen versöhnlichen Ausklang, so kennt Ostermaier keine Gnade. Er verkürzt den Stoff auf sechs Personen und allgemeine Thesen. Sätze wie «Wir sind alle Spieler im System. Aber im Grunde spielt das System mit uns und spielt uns alle zugrunde» knallen dem Besucher wie Kugeln um die Ohren. Natürlich wird hier auch die Liebe zur Ware. Hoffnung keimt nur auf in einer Portia (Maria Magdalena Wardzinska), die sich zur Occupy-Aktivistin wandelt. Videobilder von wütenden Jugendprotesten wirken denn auch wie das einzig Lebendige im cool-brutalen Geschehen. Ein Lob den Schauspielern, die bei alledem ihr Herzblut einbringen.

Deutsches Schauspielhaus