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Needcompany zeigt «Marketplace 76» bei der Ruhrtriennale

Bochum (dpa) - Als Bühnenkunstkollektiv haben sich Jan Lauwers und seine Needcompany einen Namen in der Theaterszene gemacht. In ihrem neuen Werk «Marketplace 76» sprechen sie Themen wie Trauer, Terror und Neubeginn an. Doch es bleibt ein Nachgeschmack bei der Ruhrtriennale.

Ruhr Triennale/Marketplace 76
²Marketplace 76» schildert das Überleben der Dorfbewohner. Foto: Horst Ossinger Foto: dpa
Ruhr Triennale/Marketplace 76
Eine Aufführung zwischen Theater, Performance, Musik und Tanz. Foto: Horst Ossinger Foto: dpa
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«Marketplace 76» steht für 76 Tage lang andauerndes Martyrium. Foto: Horst Ossinger Foto: dpa
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Die Schauspieler kommen aus der ganzen Welt. Foto: Horst Ossinger Foto: dpa
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«Marketplace 76» thematisiert Themen wie Trauer und Neubeginn. Foto: Horst Ossinger Foto: dpa

Mit ihrer Theaterästhetik haben sich Jan Lauwers und die Needcompany einen Namen gemacht. Auf der Bühne versucht das Ensemble, Theater, Tanz, Performance und bildende Kunst zu vermengen. Und auch bei Ruhrtriennale kann es einen Publikumserfolg verbuchen: Die Uraufführung des neuen Stücks «Marketplace 76» kam am Freitagabend in Bochums Jahrhunderthalle gut an, die Zuschauer spendeten begeistert Beifall. Die Ruhrtriennale hat allerdings auch schon anspruchsvollere Produktionen präsentiert als die des Ensembles, das zur Zeit in Wien beim Burgtheater residiert.

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«Marketplace 76» spielt in einem Dorf. Bei der Explosion einer Gasflasche sind Menschen getötet und verletzt worden. Und das Dorf ist noch nicht am Ende seiner Leiden: Der Klempner raubt ein Mädchen, sperrt es unter dem Brunnen ein, wo niemand es findet, und vergeht sich an ihr. 76 Tage lang dauert das Martyrium, daher der Titel: «Marketplace 76». Die Anspielung auf monströse Realitäten in Europa sind offensichtlich.

Videoaufnahmen vom schreienden Opfer und seinem Peiniger sind die verstörendsten Bilder der Aufführung. Der Zuschauer gerät in eine Voyeursrolle - eine anfechtbare Entscheidung von Jan Lauwers, der für Text, Regie und Bühne verantwortlich zeichnet. Nach der Entdeckung wird gezeigt, wie das Dorf über den Klempner Gericht hält und auch seine Frau befragt - sie hat Bescheid gewusst und nichts unternommen. Das Urteil: Sie muss in ihrem Haus 76 Tage isoliert ausharren.

Die Zeit vergeht, es wird Winter und die Verurteilte, eine Schöne aus dem Fernen Osten, bekommt nachts Besuch. Sie macht gute Geschäfte, sogar mit dem Dorfpolizisten - eine der komischsten Gestalten. Er ist stark, eitel und dumm, die übliche Typisierung von Polizisten im Volkstheater.

Am Ende soll die Frau das Dorf verlassen, die untreuen Männer fürchten Enthüllungen. Doch sie bleibt und bringt ein Kind zur Welt. Das Bild markiert spektakulär den Schluss. Ein fünf Meter hoher Säugling aus Luftballon-Material wird aufgeblasen und beherrscht die Bühne. Es wird Frühling. Alles ist vergeben und vergessen, das Dorf, das für die menschliche Gesellschaft steht, kann neu anfangen.

Die Zeit heilt alle Wunden - das ist die Quintessenz. Aber das ist auch zu wenig, zu schlicht, zu platt für zweieinhalb Stunden, die die Aufführung hinschleicht. Lauwers hat im Vergleich zum «Deer House» (Salzburg 2008) an Fabulierlust verloren, seiner Needcompany sind nur wenige starke Bilder gelungen. Einmal geht der Darsteller des bösen Klempners auf allen Vieren über die Bühne, eine Maske vor den Haaren zeigt sein Gesicht. Der Effekt ist verblüffend - er wirkt wie eine Spinne auf Beutejagd.

Die 13-köpfige Needcompany, von einer Puppe verstärkt, wirkt sympathisch, vielleicht weil das Spiel der Akteure, die aus aller Herren Länder kommen, mitunter laienhaft, meist semiprofessionell erscheint, wie eine Gruppe begabter US-Highschoolabsolventen, vor allem, wenn auf Musicalniveau gesungen und getanzt wird. Dabei sprechen die Akteure englisch und französisch.

Die Grundhaltung ist wie so oft auch bei amerikanischen Produktionen affirmativ, sie wirkt harmlos, oft naiv: Das Leben ist schön. Gewiss, es gibt böse Geschichten, schlimme Unfälle, Verbrechen, menschliche Schwächen - aber alles geht vorüber, auf den Dezember folgt wieder der Mai.

Wer sich fragen sollte, wie sich bei solcher Unterhaltung der überwältigende Erfolg der Needcompany erklärt, könnte hier einen Grund finden: Das Niveau ist ganz egal, Hauptsache gute Laune.

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