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Magische Melancholie: Balladen-Album von Calexico

Berlin (dpa) - Wie keine andere Band prägt Calexico seit 15 Jahren den farbenfrohen Sound des amerikanischen Südwestens. Rock, Pop, Folkballaden, Latino-Rhythmen und mexikanisches Mariachi-Gebläse fließen in den Songs der Truppe aus Tucson/Arizona stets lässig und doch so virtuos zusammen.

Calexico
Joey Burns (l) und John Convertino haben Calexico 1996 gegründet. Foto: Rocky Yosek Foto: dpa

Jetzt hat sich Calexico einen Tapetenwechsel verordnet und das siebte Studioalbum teilweise in New Orleans aufgenommen. «Wir wollten uns in fremder Umgebung neu fokussieren und doch eine echte Calexico-Platte machen», sagt Frontmann Joey Burns im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

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Es sind also weniger die Schwingungen von Jazz, Blues, Cajun und Soul, die der Songwriter in der weltberühmten Südstaaten-Metropole aufschnappte - sondern die Melancholie einer durch die «Katrina»-Katastrophe von 2005 immer noch tief verletzten Stadt. Auf «Algiers» (City Slang), benannt nach einem Stadtteil von New Orleans, dominieren daher atemberaubend schöne, von Burns großartig gesungene Balladen, wie man sie bei Calexico in dieser magischen Intensität selten gehört hat.

Die einmalige Atmosphäre in der «Big Easy»-Stadt, der Umgang ihrer Bewohner mit dem Wirbelsturm-Desaster, die Eindrücke vom Wiederaufbau - all dies schlug sich weniger im Sound als atmosphärisch nieder und sorgte für den erhofften Kreativitätsschub. «Algiers» ist eine Platte, der man die Frischzellenkur deutlich anhört. «Ja, das war eine nette Überraschung, denn erzwingen kann man sowas nicht», freut sich Burns, der Calexico 1996 zusammen mit John Convertino (Schlagzeug) zunächst als bescheidenes Nebenprodukt der knorrigen Wüstenrock-Truppe Giant Sand gegründet hatte.

Seitdem erspielte sich die nach und nach zum Sextett erweiterte Formation (darunter mit Martin Wenk und Volker Zander zwei Deutsche) einen legendären Ruf als Live-Band. Und stets verfeinerte oder variierte sie ihren Trademark-Sound, so dass er nie langweilig wurde. «Es wäre doch allzu einfach, eine erfolgreiche Formel immer nur zu wiederholen», sagt Burns. Und Convertino ergänzt im dpa-Interview: «Wenn man sich nicht weiterentwickelt, stirbt man als Band.»

So finden sich auf «Algiers» immer noch Calexico-typische Trompeten, temperamentvolle Gitarren und feurige spanische Gesänge («Puerto», «No Te Vayas») - viel häufiger als gewohnt jedoch düstere und traurige Stimmungsbilder. «Politisches, aber auch Privates aus der letzten Zeit haben dieses Album beeinflusst», sagt Burns. Der von einem Streicher-Arrangement dramatisch aufgeladene Song «The Vanishing Mind» beispielsweise schildert lebenslang Inhaftierte, die im Gefängnis all ihre Erinnerungen verlieren - zugleich aber auch den Gedächtnisverlust seiner alten Mutter, erzählt Convertino.

Gesellschaftskritik und Mitgefühl - etwa angesichts der menschenunwürdigen Zustände an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, quasi vor ihrer eigenen Haustür - sind für beide Songwriter immer zwei Seiten einer Medaille. Als explizit politische Band sehen sie Calexico zwar nicht. Aber schon vor zehn Jahren traten sie als vehemente Gegner des Irak-Krieges und der Bush-Regierung hervor, und auch jetzt machen sie aus ihrer Sympathie für Präsident Barack Obama kein Hehl. «Klar kriegt er meine Stimme. Vier weitere Jahre würden ihm die Möglichkeit geben, noch all das zu tun, was er vorhatte», sagt Convertino. «Wir wollen nicht zurück in dieses tiefe Loch.»

Man kann nur staunen, wie die Calexico-Bosse das politische Engagement, ein Familienleben mit Kindern und ihre vielen musikalischen Spielfelder geregelt bekommen. Denn neben den offiziellen Alben zeichnen Burns/Convertino verantwortlich für Internet-only-Veröffentlichungen, Soundtrack-Arbeiten sowie Produktionsjobs und zahllose Kooperationen mit befreundeten Künstlern in aller Welt. «Man muss schon etwas verrückt sein, um das zu tun, was wir tun - denn eigentlich sind wir ja Teil einer sterbenden Branche», sagt Burns mit Blick auf das kriselnde Musik-Business.

Calexico-Konzerte im Herbst: 14.9. Köln, 21.9, Zürich, 22.9. Wien, 23.9. Berlin, 25.9. Hamburg, 15.11. Basel, 16.11. Leipzig, 17.11. Weissenhäuser Strand (Rolling Stone Weekender Festival), 18.11. Wiesbaden, 26.11. Linz, 28.11. Salzburg, 29.11. München

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