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John Irvings bizarres Spiel mit Identitäten

Zürich (dpa) - Schreiben, Sport und Sex: John Irving enttäuscht die Erwartungen seiner Leserschaft nicht. Der amerikanische Autor, der im März seinen 70. Geburtstag feierte, hat auch in seinem neuen Roman «In einer Person» wieder jene Seiten des Lebens zum Thema gemacht, von denen er zweifellos etwas versteht.

John Irving
John Irving bei einer Lesung in Hamburg. Foto: Fabian Bimmer Foto: dpa

Die Umsetzung ist ebenfalls die bewährte: skurril bis absurd, unglaublich und komisch, oft in wunderbar sarkastischer Ausführung. Neu ist nicht einmal die gnadenlos offene Beschreibung sexueller Praktiken oder von Geschlechtsteilen, allenfalls die epische Breite.

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William (Bill) Abbot ist der Held dieser Geschichte. Ein gut aussehender Junge, der eher zufällig von einem Homosexuellen gezeugt wurde und dessen Leben in einem Nest bei Vermont in Neuengland beginnt. Schon früh zeigen sich auch bei ihm homoerotische Neigungen, ohne dass er sich festzulegen vermag. Er ist ebenso in seinen Stiefvater wie in die Bibliothekarin seiner Heimatstadt verliebt. Und eine Hassliebe verbindet ihn mit einem Mitschüler, dessen Schatten ihn für immer begleiten wird. Stets an seiner Seite ist Elaine, eine Freundin im Geiste und hin und wieder auch im Bett.

Bill, der am Laientheater seiner Stadt erste Bühnenerfahrung macht, erkennt beizeiten den Sinn des Shakespeare-Zitats «So spiele ich in einer Person viele Menschen, und keine ist zufrieden» (Richard II.). Er weiß, dass es nicht nur auf sich, sondern auf so manche Person auch außerhalb des Theaters zutrifft, und sieht hinter manchen Fassaden Geheimnisse. Einige knackt er - nicht ohne Folgen für seine eigene Identität. Er sieht aber auch, wie andere daran zerbrechen oder zumindest unglücklich sind.

Später wird Bill ein leidlich erfolgreicher Schriftsteller, der seine bisexuelle Neigung literarisch ausschlachtet, um für Toleranz zu werben. Irving hingegen setzt bei seinem Publikum bereits viel Toleranz voraus und riskiert mit seiner unverblümten Sprache, zart besaitete Leser zu verprellen. Doch wer sich durch die seitenlangen Beschreibungen kopulierender Körper arbeiten mag, findet in dem Roman auch eine feinfühlige Analyse nach Orientierung suchender Jugendlicher und unter zerstörerischen Moralvorstellungen leidender Homosexueller.

Die Literatur, vor allem auch Bühnenwerke, sind Irvings Mittel zum Zweck, um seinen roten Faden zu spinnen. Und so wird Bill von den Brontë-Schwestern über Fielding, Hardy, Dickens und Flaubert hin zu James Baldwin geführt, von Shakespeare über Ibsen hin zu Tennessee Williams und immer wieder Shakespeare. Die Auseinandersetzung mit jenen Werken - nicht selten im Dialog mit anderen - spiegelt den jeweiligen seelischen Zustand Bills wieder. Das ist schon sehr gelungen.

Was die für Irving typischen absurden Ereignisse und grotesken Typen betrifft: Auch davon gibt es in diesem Buch reichlich. Der Verfasser von «Garp und wie er die Welt sah» (1978) und «Gottes Werk und Teufels Beitrag» (1985) verfügt bekanntlich über die Gabe, die verrücktesten Situationen so selbstverständlich zu schildern, dass man sie gern für bare Münze nimmt. Alles in allem ist auch das neue Buch eine bizarre Lebens- und Liebesgeschichte, die gleichermaßen betroffen wie nachdenklich macht, mitunter komisch ist und je nach persönlichem Geschmack mehr oder weniger gut unterhält.

John Irving

In einer Person

Diogenes Verlag, Zürich

752 Seiten, Euro: 24,90

ISBN: 978-3-257-06838-2

«In einer Person» bei Diogenes