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Hetty Berg übernimmt Jüdisches Museum Berlin

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Hetty Berg
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Hetty Berg will als neue Direktorin des Jüdischen Museums in Berlin die Unabhängigkeit des Museums sichern. Foto: Yves Sucksdorff/Jüdisches Museum Berlin/dpa Foto: dpa

Welche Rolle hat die Tagespolitik beim Jüdischen Museum Berlin - über diese Frage stürzte der letzte Museumschef. Nachfolgerin Hetty Berg will solche Kämpfe nicht wieder ausfechten.


Berlin (dpa) - Ihren Start am Jüdischen Museum in Berlin hatte sich Hetty Berg anders vorgestellt. Seit ihrem Antritt vor einem Monat ist das Museum geschlossen, der erste Kontakt mit den Kollegen lief per Video, die Eröffnung der neuen Dauerausstellung wurde verschoben.

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Sie sei froh, dass sie wegen der Corona-Pandemie nicht in Amsterdam ausharren musste und nun in Berlin sei, sagt Berg. Der Umgang mit den Einschränkungen ist zur Zeit nur ein Teil der Sorgen Bergs. Das Museum war zuletzt oft in den Schlagzeilen. Im Kern ging es um die Frage, wieviel Judentum in einem jüdischen Museum stecken und welche Rolle dabei Israel als Staat der Juden spielen soll? Politsche Interventionen, ein unklarer Tweet, eine öffentliche Debatte und der Rücktritt des Direktors Peter Schäfer stellten das Selbstverständnis des Hauses auf den Prüfstand. In der Zwischenzeit berief der Stiftungsrat den Historiker und früheren Berliner Kultursenator Christoph Stölzl als Vertrauensperson ein.

Berg, die 1961 in eine jüdische Familie in Den Haag geborene Kunsthistorikerin, soll nun als erfahrene Museumsmacherin das Museum in ruhigere Fahrwasser leiten und Antworten auf heikle Fragen finden. Die Aufregung der vergangenen Jahre könne sie nachvollziehen. Das Jüdische Museum Berlin gehöre immerhin zu den größten und wichtigsten jüdischen Museen in Europa. »Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte hat es eine enorme symbolische Bedeutung.«

Berg blickt auf eine langjährige Museumskarriere zurück. Im Jahr 2002 wurde sie für Amsterdams Jüdisches Kulturviertel verantwortlich, zu dem auch die Portugiesische Synagoge, das Nationaal Holocaust Museum, die Gedenkstätte Hollandsche Schouwburg und das JHM-Kindermuseum gehören.

Als 2001 das Berliner Museum im Zickzack-Bau des Architekten Daniel Libeskind eröffnete, wurde das Ereignis als deutsch-jüdischer Meilenstein gefeiert. Der frühere US-amerikanische Finanzminister und Holocaust-Überlebende W. Michael Blumenthal stand als Gründungsdirektor persönlich ein für diese Verständigung. Dieser Konsens wurde mit den Jahren brüchig. Handfeste politische Konflikte folgten.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu forderte etwa Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, die Museumsausstellung »Welcome to Jerusalem« abzusetzen. Dort werde einseitig die palästinensische Sicht auf die Stadt dargestellt, Merkel sollte die Finanzierung des Museums einstellen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wies das Ansinnen als unzulässige Einmischung zurück.

Kritik gab es auch, nachdem der frühere Direktor Peter Schäfer den iranischen Kulturattaché empfangen hatte, also einen Vertreter jenes Landes, das die Auslöschung Israels zur Staatsräson erklärt hat. Der Direktor räumte ein, die Einladung sei ein Fehler gewesen.

Für den Zentralrat der Juden in Deutschland distanzierte sich das Museum bei seinen Einladungen zu Diskussionen mit Experten nicht genug von der anti-israelischen Boykottbewegung BDS (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen). Auf die Frage, wie sie dazu stehe, betont Berg: »Ich habe bereits öffentlich gesagt, dass ich die BDS-Bewegung ablehne.« Der BDS fordere nicht nur einen Boykott Israels, sondern rufe auch zum Boykott von israelischen Künstlern und Wissenschaftlern auf. »Für mich ist das nicht akzeptabel.«

Unabhängigkeit von Kulturinstitutionen ist für Berg ein hohes Gut. Anders als etwa Polen oder Ungarn, wo Regierungen einen starken Einfluss auf Kunst- und Wissenschaftsinstitutionen ausübten, sichere Deutschland den Museen Unabhängigkeit zu und sei damit ein europäisches Vorbild. Die Debatte um das Museumsprofil habe seine besondere Rolle noch einmal unterstrichen.

»Für das Museum war das sicher keine einfache Zeit«, sagte Berg und fügt hinzu: »Ich möchte die Vergangenheit nicht bewerten, sondern jetzt gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen nach vorn schauen.« Das Museum und die dazu gehörende Akademie wolle sie als Debattenorte weiterführen - für »inhaltliche Diskussionen mit Tiefgang«, wie sie sagt. »Komplexe Themen dürfen nicht grob vereinfacht werden.«

In diesem Verständnis sieht sie auch die neue Dauerausstellung, die Mitte Mai eröffnet werden sollte. »Wir wollen die Beziehungen von Juden zu ihrer nichtjüdischen Umwelt in der Geschichte und Gegenwart zeigen. Es geht um Fragen von Ausgrenzung, Zugehörigkeit, Identität und Diversität.« Ein »entscheidender Unterschied« zur alten Ausstellung sei der größere Platz, den Nationalsozialismus und das jüdische Leben in der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart bekommen.

Doch Berg stellt klar: »Es geht hier um jüdisches Leben und jüdische Kultur - nicht allein um Tod und Vernichtung. Auch wenn das der Teil der Geschichte ist, den die meisten Menschen mit Judentum in Deutschland assoziieren. Jüdisches Leben ist so viel mehr, und ich möchte, dass die Besucherinnen und Besucher das hier erleben.«

Dafür setzt die Ausstellung auf die stark angewachsene Sammlung. »Von insgesamt mehr als 1000 Objekten stammen fast 70 Prozent aus unserem eigenen Bestand.« Eine weitere Neuerung ist die Präsentation von zeitgenössischen Kunstwerken, unter anderem mit Arbeiten von Gilad Ratmann, Anselm Kiefer und Edmund de Waal. Eine neues Zielpublikum verspricht sich das Museum außerdem mit der Erlebniswelt Anoha, die in einer nachgebauten Arche Noah Kindern die Schöpfungsidee näher bringen soll.

Und Berg hat auch viele Ideen zu neuen Ausstellungen, etwa zum Thema Judentum und Sexualität mit seinen ethischen Dimensionen und Aspekten bis hin zu Dating-Apps. Oder über den jüdischen Mäzen James Simon, nach dem eine ganze Galerie auf der Museumsinsel benannt ist.


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