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Herbert von Karajan: Multimedia-Pionier und Klanggenie

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Herbert von Karajan
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Vor 25 Jahren starb Herbert von Karajan. Foto: Martina Hellmann Foto: dpa

Berlin (dpa) - «Generalmusikdirektor Europas», «Strippenzieher», «Klangmagier» - auch 25 Jahre nach seinem Tod verkörpert Herbert von Karajan den Inbegriff des Klassik-Dirigenten.


Zwar haben neue Generationen von Kapellmeistern die Podien erobert - Barenboim, Jansons, Rattle, Dudamel. Kein anderer Maestro wird aber - sogar über den Tod hinaus - so mit Superlativen überhäuft.

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Karajans CDs füllen Regale in Plattenläden, mehr als 800 Aufnahmen stehen in den Katalogen. Zum Todestag am 16. Juli holen die Musikkonzerne mit CD-Sondereditionen und DVDs zum Revival aus. Die Berliner Philharmoniker stellen Konzertaufnahmen und Dokumentationen zu Karajan ins Netz.

Bei aller multimedialer Gegenwart - aus der Entfernung eines Vierteljahrhunderts wirkt der Dirigent altmodisch und modern zugleich. In Zeiten, in der Klassikmusiker wie Popstars vermarktet werden und eine Diva wie Anna Netrebko oder ein Klavierstar wie Lang Lang auf der Couch einer Samstagabend-Show im Fernsehen sitzen, strahlt der 1908 in Salzburg geborene Dirigent eine ungewohnte Seriosität aus.

Mit seinem sorgsam gepflegten Star-Image setzte Karajan auf die bildmächtige Wirksamkeit seiner Auftritte. Er öffnete das Fernsehen für die klassische Musik und entwickelte zusammen mit Sony-Gründer Akio Morita die digitale Aufnahmetechnik. Die Berliner Philharmoniker stellen heute in der «Digital Concert Hall» ihre Auftritte live ins Netz, Daniel Barenboim betreibt ein eigenes Label mit seinen Aufnahmen zum Downloaden - das hätte Karajan sicher gefallen.

Karajan habe nichts dem Zufall überlassen, schrieb die Musikpublizistin Julia Spinola in einem Sammelband (2008) über den Interpretationsstil des Maestros. Als Kontrollfreak, der von der Einstudierung bis zur Vermarktung den kompletten Prozess der Musikproduktion beherrschen wollte, war er wohl ein Pionier des Multimedia-Zeitalters. Er habe dabei ganz schlechte, aber auch ganz große Musik produziert, schreibt Spinola.

Als mächtiger Orchesterherrscher hat das Karajan-Image allerdings etwas Angestaubtes. Wenn etwa Sir Simon Rattle vor die Berliner Philharmoniker tritt, bleibt das ein demokratisches Treffen unter Gleichberechtigten. Der einstige «Zirkus Karajani» mit dem Dirigenten als Dompteur mutet eher wie von Vorgestern an.

Kritiker empfehlen Karajan-Aufnahmen, etwa von Sibelius oder Beethoven, noch immer als Grundausstattung eines jeden Klassik-Fans. Sie kritisieren dabei aber auch Karajans «Breitwandsound», der wohl dem Klangideal einer verblichenen Epoche entspricht. Der Philosoph Theodor W. Adorno sprach von Karajan als «Genius des Wirtschaftswunders». Der Glaube, es gebe ein Klangideal unabhängig von der Interpretation des Einzelwerks, habe bei den Hörern einen Nerv getroffen, schrieb der Musikwissenschaftler Peter Uehling in einer Karajan-Biografie. Die Karajan-Nachfolger pflegen im 21. Jahrhundert die historische Aufführungspraxis und damit einen schlanken Klang.

Während die Kritik an Karajans Klangvorstellungen eher die Musikliebhaber bewegte, zog die Mitgliedschaft des Dirigenten in der NSDAP weitere Kreise. Karajan war bereits in die Partei eingetreten, als er mit 26 Jahren in Aachen zu Deutschlands jüngstem Generalmusikdirektor aufstieg. Seine Nähe zu den Nazis diente seiner Karriere. 1937 debütierte er mit «Tristan und Isolde» in Wien, ein Jahr später leitete er den «Fidelio» in Berlin.

Die Nationalsozialisten bauten ihn als Gegenfigur zu Wilhelm Furtwängler auf, an dessen Loyalität sie zweifelten. Hermann Göring nahm ihn unter seine Fittiche. Das Nazi-Regime, das Dirigenten wie Erich Kleiber, Fritz Busch oder Otto Klemperer ins Exil trieb, bot Karajan große Aufstiegschancen. Als «reine Formalität» und Bedingung für seinen Aachener Posten spielte er später seinen Eintritt in die Partei herunter. Wegen seiner NS-Beziehungen wurde Karajan nach dem Krieg von den Alliierten für ein Jahr mit Berufsverbot belegt.

Er wich ins Ausland aus, zunächst nach Italien, später nach London. Mit dem Produzenten Walter Legge, der das Philharmonia Orchestra eigens für Plattenaufnahmen gegründet hatte, feilte er am «internationalen Klang». Als er 1955 «mit tausend Freuden» die Nachfolge Furtwänglers an der Spitze der Berliner Philharmoniker antritt, hatte Karajan den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Dort blieb er fast 35 Jahre.

Karajan war immer unterwegs. In Wien, Paris, Mailand oder Salzburg zog er die Strippen. Mit seiner Frau Eliette tauchte er in der Klatschpresse auf. 1989 schließlich kam es zum Streit mit den Philharmonikern. Karajan zog sich nach Anif bei Salzburg zurück. Dort starb er am 16. Juli 1989 mit 81 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.

Berliner Philharmoniker