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Groteske Verzweiflung - «Kafkas Prozeß» in Berlin

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"Kafkas Prozeß" am BE
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Jürgen Holtz (l) als Geistlicher und Veit Schubert als Josef K. in der Probe zum Stück "Kafkas Prozeß" in Berlin. Foto: Stephanie Pilick Foto: dpa
"Kafkas Prozeß" am BE
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Karla Sengteller als Frau des Gerichtsdieners und Veit Schubert als Josef K. in Berlin. Foto: Stephanie Pilick/ Foto: dpa
"Kafkas Prozeß" am BE
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Veit Schubert als Josef K. bei der Probe zum Stück "Kafkas Prozeß" im Berliner Ensemble. Foto: Stephanie Pilick/dpa Foto: dpa

Berlin (dpa) - Was den Protagonisten ins Verderben führen wird, steht schon auf dem Vorhang: «Jemand musste Josef K. verleumdet haben.»


Das sind die ersten Worte in Franz Kafkas Romanfragment «Der Prozeß» - und genau so bringt Intendant Claus Peymann sie auch mit dem Berliner Ensemble auf die Theaterbühne. Peymann inszeniert das Stück Weltliteratur als groteske Verzweiflungsgeschichte des Josef K., der ohne genannten Grund verhaftet, angeklagt und vor ein Gericht gestellt wird, das er nie zu Gesicht bekommen wird.

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Die düstere Handlung wird fast ausschließlich in Schwarz und Weiß gezeigt. Schwarze Stühle und Tische stehen herum, darüber leuchten grell-weiße Neonröhren. Männer tragen Weste, Frauen dunkle Kleider. Und vieles wirkt wie veraltete Moderne - wenn die Schauspieler auf gedachten Schreibmaschinen tippen, Zigarren paffen oder die Uhrzeiger mit lautem Ticken durchdrehen, sobald Josef K. noch mehr unter Druck gerät. Viele Gesichter stecken hinter dicker, weißer Theaterschminke. Aber die Tünche verwischt - und die Emotionen tauchen auf.

Eine der verzweifeltsten Fratzen zieht Hauptdarsteller Veit Schubert, der den Josef K. spielt. Seine Augen sind fett mit Schwarz ummalt, ein Mundwinkel ist mit einem Strich verlängert. Das lässt ihn ein wenig irre wirken. Und tatsächlich spielt Schubert die zunehmende Verzweiflung so hervorragend, das die Figur auch für den Zuschauer in den Wahnsinn abzugleiten droht. Er schimpft, schreit und sucht Hilfe, zum Beispiel beim Gerichtsmaler Titorelli, der in der Inszenierung aufgepinselte Tattoos trägt.

Das ganze Elend K.s klebt dann am Ende der Aufführung auch an seinem Hemd. Schweiß, verschütteter Rotwein, Schminke. Bei der Premiere von «Kafkas Prozeß» am Samstagabend bekommt Schubert nach zwei Stunden vom Publikum viele «Bravo»-Rufe. Das Berliner Ensemble hatte vor gut zwei Monaten klar gemacht: Ohne ihn könne das Stück nicht gezeigt werden. Da hatte sich Schubert gerade das Handgelenk gebrochen, als er bei einer öffentlichen Probe vom Stuhl gesprungen und vor den Augen der Zuschauer gestürzt war. Die Premiere wurde verschoben.

Gezeigt werden Verleumdung, Verfolgung und ein undurchdringlicher Beamtenapparat. In Zeiten, in denen auch über NSA-Ausspähung diskutiert wird, scheint das erstaunlich aktuell. Der in Prag geborene Kafka (1883-1924) schrieb am «Prozeß» nicht linear, sondern sprang hin und her, brach die Arbeit daran schließlich ab. Erhalten sind 161 Seiten, sein Manuskript sollte aber nie veröffentlicht werden. Nach dem Willen des Autors hätte sein Freund Max Brod die Handschriften verbrennen sollen, Brod publizierte nach Kafkas Tod aber dennoch eine Auswahl.

Am Berliner Ensemble bleibt Kafkas Werk nun auch ein Stück weit Roman: Die Schauspieler sprechen nicht nur aus, was ihre Figuren nach der Textfassung von Jutta Ferbers wörtlich sagen. Sie erzählen auch ganze Passagen, die im Roman die Handlung beschreiben. «Der Gedanke an seinen Prozess verließ ihn nicht mehr», sagt Josef K. über sich selbst. Und so berichten am Ende alle gemeinsam, wie zwei Herren - bleich und fett - K. in einen Steinbruch bringen und mit einem Messerstich ins Herz töten. Die Gründe erfährt der Zuschauer nicht. Es bleibt beim Anfang. Jemand musste Josef K. verleumdet haben.

Kafkas Prozeß am Berliner Ensemble

Deutsches Literaturarchiv Marbach zu Kafkas Romanfragment

Spielplan des Berliner Ensembles

Kafkas Prozeß beim Projekt Gutenberg