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Filmfest für die Fans: Stars und gute Laune in Toronto

Toronto (dpa) - Elf Tage im Jahr herrscht in der Innenstadt von Toronto Ausnahmezustand. Menschen campen für Premierentickets auf dem Gehweg, geplaudert wird im Fachjargon.

Selena Gomez
Selena Gomez zeigt ein makelloses Lächeln. Foto: Warren Toda Foto: dpa
Halle Berry
Schön wie eh und je: Halle Berry. Foto: Warren Toda Foto: dpa
Naomi Watts
Naomi Watts sorgte mit ihrem tiefen Ausschnitt vor Getuschel in Toronto. Foto: Warren Toda Foto: dpa
Shola Lynch
Die Regisseurin Shola Lynch verbreitet gute Laune beim Filmfestival in Toronto. Foto: Warren Toda Foto: dpa
Kristen Stewart
Kristen Stewart schien sich auf dem roten Teppich in Tonronto nicht sonderlich wohl gefühlt haben. Foto: Warren Toda Foto: dpa

Es geht um «Screenings», «Galas» und «Fast-Lanes», Halle Berrys durchsichtige Bluse und Kristen Stewarts verkniffenen Gesichtsausdruck. Und noch immer wird davon geschwärmt, dass das Ensemble von Tom Tykwers «Cloud Atlas« geschlossen und gut gelaunt zur Weltpremiere beim 37. Toronto International Film Festival (TIFF) auflief.

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Die Stars kamen in den ersten Tagen tatsächlich bereits in Scharen: Selena Gomez hatte Justin Biebers Bruder mitgebracht, Ewan McGregor gab brav Autogramme, Naomi Watts begeisterte in einem lila Kleid mit ultratiefem Ausschnitt und Johnny Depp mit seinem Geplauder über Tattoos.

Noch viel spannender: Das Oscar-Geflüster ging los. Überall wird gerätselt, welcher Film am 16. September das TIFF gewinnen könnte und ob wieder ein Oscar-Siegeszug ausgelöst wird. Denn das Festival hat sich vor allem als Barometer einen Namen gemacht. Während in Cannes, Berlin und Venedig die Entscheidung über den Gewinner bei einer Jury liegt, haben in Toronto die Fans die Fäden in der Hand.

«Es gibt kaum ein Publikum das Film-euphorischer ist», sagte der Nordamerikarepräsentant von German Films Oliver Mahrdt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Die Ergebnisse der vergangenen Jahre sprechen für sich: «Slumdog Millionär» begann vor vier Jahren seinen Siegeszug in Toronto. 2010 hatte «The King's Speech» die Zuschauer begeistert. Auch «Precious - Das Leben ist kostbar» war ein TIFF-Liebling - alle gewannen bei den Academy Awards.

In diesem Jahr ging das Geraune um den möglichen Liebling der Fans früh los. Bereits um den TIFF-Auftaktfilm «Looper» mit Joseph Gordon-Levitt rankten sich die ersten Vorschusslorbeeren, einen Tag später stand aber schon Ben Affleck mit seinem Regiewerk «Argo» über einen CIA-Befreiungsspezialisten am Siedepunkt der iranischen Revolution 1979 im Mittelpunkt der Spekulationen - und hält sich dort beharrlich.

Auch Dustin Hoffmans Regiedebüt «Quartet» über pensionierte Opernsänger erhielt minutenlangen Applaus, «Silver Linings Playbook» mit Bradley Cooper und Jennifer Lawrence steht ebenfalls weit vorne in der Gunst der Zuschauer.

Ein deutscher Beitrag polarisiert in diesem Jahr hingegen die Gemüter: «Cloud Atlas» von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern wurde mit Spannung erwartet, anschließend von den einen mit Lob überschüttet und von anderen als «furchtbar» abgetan. Eine weitere Weltpremiere steht mit Margarethe von Trottas «Hannah Arendt» an. Die deutsche Filmemacherin ist Teil einer Statistik, auf die die TIFF-Macher besonders stolz sind. Der Anteil der Regisseurinnen sei in diesem Jahr um 25 Prozent gestiegen, sagte Filmfest-Intendant Cameron Bailey bei einer Pressekonferenz - ein Rekord.

Es scheint, als ob das TIFF den älteren europäischen Festival-Geschwistern nicht nur in der Oscar-Prognose den Rang ablaufen könnte. Auch wenn es um Vielseitigkeit, Coolness und Gesamtauftritt geht, hat das verhältnismäßig junge Event die Nase vorn. «Vielen Festivalprogrammierern fehlt der Mut, ein Erstlingswerk zu einer Hauptsektion einzuladen. TIFF ist für mutige Programmierung bekannt. Wenn ein Erstlingswerk beim Publikum ankommt, ist das ein enormer Auftrieb für die Filmemacher», so Mahrdt.

Ähnlich empfand es auch der deutsche Regisseur Toke Constantin Hebbeln, der sein Stasi-Drama «Wir wollten aufs Meer» nach Toronto gebracht hatte und auf begeisterte Resonanz stieß. «Für mich war die Einladung zum TIFF wie ein Ritterschlag», so Hebbeln. Der Standort sei ein Sprungbrett für den nordamerikanischen Markt und erkläre, warum derartig viele ausländische Filme mit von der Partie wären. Wer etwas weiter hinaus wolle, komme an Toronto nicht vorbei.

Im Vergleich zum Vorjahr wird bis zum 16. September tatsächlich dick aufgetragen: Es gibt 146 Weltpremieren, 289 Filme und 83 Kurzfilme. Mit Werken aus 72 Ländern ist es internationaler als jemals zuvor. Jahr um Jahr bricht das TIFF zur Freude der Fans seine eigenen Rekorde. Die europäischen Filmfeste müssen sich möglicherweise bald warm anziehen.