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Elbow erweitern ihren Stadion-Sound

Berlin (dpa) - Spätestens seit der Olympia-Schlusszeremonie 2012 gilt die Rockband Elbow in Großbritannien als eine Art Nationalheiligtum.

Rockband Elbow
An der Grenze zum Pathos: Elbow. Foto: UniversalMusic Foto: dpa

Auf dem neuen Album des Quintetts aus Manchester sind neben großen Hymnen auch experimentellere Popsongs zu hören.

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Live im Londoner Olympiastadion präsentierten Elbow vor Tausenden Sportlern, Zehntausenden Fans auf den Rängen und einem Milliarden-Publikum an den Fernsehschirmen ihre weltumarmenden Rockhymnen. Bei «One Day Like This» und «Open Arms» wurde nicht nur manches Athleten-Auge feucht.

Auch das sechste Elbow-Studioalbum mit dem sperrigen Titel «The Take Off And Landing Of Everything» hat reichlich Rührpotenzial. Das geht beim siebenminütigen, von Minimal-Schlagzeug und Orgel getragenen Indie-Folksong «This Blue World» los. Mittendrin die majestätische Bläser-Ballade «My Sad Captains», laut Frontmann Guy Garvey «ein Liebeslied an meine Freunde». Am Schluss dann das bewegende «The Blanket Of Night», in dessen Sound man sich tatsächlich hineinkuscheln kann wie in eine warme Bettdecke, obwohl der Song vom Drama illegaler Einwanderer handelt.

Diese stets an der Grenze zum Pathos balancierenden, aber nie hohlen Melodien und vor allem Garveys warmherzige Knuddelbären-Stimme klingen wieder so vertrauenerweckend, wie es der Elbow-Fan seit den bescheidenen Anfängen mit «Asleep In The Back» (2001) kennt. Aber das Quintett - in Großbritannien längst eine Mega-Band mit Platin-Abonnement - zeigt auch eine andere, experimentellere Seite. Immerhin gehören Peter Gabriel, Radiohead und die Avantgarde-Popband Talk Talk zu den erklärten Vorbildern.

So überrascht «Charge» mit einem orientalisch anmutenden Streichermotiv. Im Progressive-Rock-Song «Fly Boy Blue/Lunette» kreischen zunächst die Gitarren, und Garveys Gesang wirkt kräftig verzerrt, ehe der Wohlklang die Oberhand zurückgewinnt. «Colour Fields» ist für Elbow-Verhältnisse geradezu spartanisch instrumentiert - Bass, Schlagzeug und Tambourin unterlegen die klagende Stimme des hünenhaften Sängers, der sich kürzlich von seiner Langzeitfreundin trennte und im März 40 wurde.

Eine melancholische Grundstimmung beim Frontmann mag zu Elbows (dezentem) Schwenk beigetragen haben - Garvey selbst spricht von «den kleinen, positiven wie negativen Lebenserfahrungen, mit denen Männer um die 40 eben rechnen müssen». Der Wunsch nach Dehnung des eigenen Sounds ergab sich wohl vor allem aus der gefühlten Ewigkeit, die Elbow nun schon als Band zusammen sind.

«Die selben Burschen im selben Raum seit 20 Jahren - egal wie gut man sich versteht, da muss man entweder etwas ändern, oder man bringt sich gegenseitig um», sagte Garvey - vermutlich augenzwinkernd - dem britischen «Guardian». Er selbst ging für eine Weile in die USA und schrieb dort mit «New York Morning» erstmals einen Song, der von einem anderen Ort als seinem geliebten Manchester handelt. «Green Point/Brooklyn fühlte sich wie meine zweite Heimat an», bekennt Garvey, ein Inbegriff des englischen Working-Class-Gentleman.

In New York verfasste er auch Texte für ein «King Kong»-Musical. Gefragt waren verständliche, empathische Lyrics, die gleichwohl nicht die Intelligenz des anspruchsvollen Hörers beleidigen - eine Gratwanderung, die Garvey und seine Bandkumpels zuletzt auf dem Top-3-Album «Build A Rocket Boys!» (2011) so wunderbar hinbekommen hatten. An dieses Meisterwerk des britischen Poprock knüpfen Elbow nun mit ihrer neuen Platte an - und klingen gerade so verändert, dass ihre Fans ihnen weiterhin folgen und die allermeisten Musikkritiker wiederum den Hut ziehen dürften.

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