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Berlinale-Preisträger 2013 will Asyl in Berlin

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64. Berlinale - Nazif Mujic
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Nazif Mujic hat in Berlin Asyl beantragt. Foto: Daniel Naupold Foto: dpa

Berlin (dpa) - Nazif Mujic hat sie wieder, die Rolle seines Lebens. Er trägt den guten Anzug. Vor ihm klicken die Kameras, ein kleines Blitzlichtgewitter auf der Berlinale. Genau wie im vergangenen Jahr, als Mujic überraschend den Silbernen Bären gewann - als bester Darsteller.


Er ist kein klassischer Schauspieler. Mujic hat im Spielfilm «Eine Episode aus dem Leben eines Schrottsammlers» sich selbst gespielt. Er war der Vater, Teil des bewegenden Schicksals einer Roma-Familie in einem bosnischen Dorf - seiner Familie. Das Doku-Drama ging auf Filmfestivals um die Welt.

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Dieses Jahr ist alles anders. Mujics Leben ist kein Film mehr. Es ist in der Wirklichkeit weitergegangen. Vor drei Monaten hat er Bosnien verlassen und ist mit seiner Frau, drei Kindern und seinem Silbernen Bären nach Berlin gekommen. Er ist einer von den vielen Roma aus Süd- und Osteuropa, die in der Hauptstadt Asyl beantragt haben. Und wie bei so vielen anderen ist sein Antrag abgelehnt worden. Denn Bosnien-Herzegowina gilt als sogenannter sicherer Drittstaat. Und Armut- und Chancenlosigkeit - das ist in Deutschland kein Asylgrund.

Die Macher der Berlinale haben ihn trotzdem wieder eingeladen - als Gast. «Wir sind wie eine Familie: Da ist jemand in Schwierigkeiten, und wir helfen», sagt der Programmdirektor des Filmfestivals, Thomas Hailer. Sie haben für eine Anwältin zusammengelegt und für ihren Schützling Pressekontakte vermittelt, damit er von seinem Leben erzählen kann, das er in Bosnien mittlerweile als Tragödie empfindet. Es ist eine ungewöhnliche Geste für ein Filmfestival: ein Preisträger und sein Leben ohne Film. Und Nazif Mujic sagt nun in die Kameras: «Ich gehe nicht zurück nach Bosnien.»

Für ihn ist es wie ein Spagat zwischen Welten. Er hat jetzt wieder viele Interviews gegeben. Ein schmaler Mann Anfang 40, mit dunklen Augen und ausdrucksstarkem Gesicht. Nur eines unterscheidet ihn von den vielen anderen Berlinale-Gäste. Ihm fehlen Zähne. Er hat seine Armut nicht nur gespielt. «Ich würde jeden Job machen in Deutschland», sagt er. «Ich würde meinen Bären zurückgeben, wenn ich bleiben könnte.»

Bisher lebte Mujics Familie in einem Zimmer in einem Berliner Asylbewerberheim. Er hat die älteste Tochter in Bosnien aus der Schule genommen, um ihr und ihren Geschwistern ein besseres Leben in der Stadt zu bieten, in der er für einen Tag ein Star war. Er hat gekämpft wie damals, als Ärzte seiner Frau nach einer missglückten Schwangerschaft in Bosnien nicht helfen wollten. Kein Geld, keine Versicherungskarte, keine Behandlung. Damals hat er mit einem Trick gewonnen. Davon handelte der Film des bosnischen Regisseurs Danis Tanovic, in dem Mujic spielt. Als er noch einmal Vater wurde, nannte er seinen Sohn Danis.

Nun wohnt Mujic als Berlinale-Gast wieder im Luxushotel am Potsdamer Platz. Alles wie früher. «Es war großartig, wie ein Gang auf Wolken», sagt der Bosnier nach ausgelassenen Stunden auf der diesjährigen Eröffnungsparty. Deutsch oder Englisch spricht er nicht, aber er will in den nächsten Tagen viele Filme sehen.

Nächste Woche geht die Glitzer- und Illusionswelt der Berlinale zu Ende. Und das Leben der Mujics in Berlin könnte auch bald vorbei sein. Die Duldung gilt nur für diesen Winter. Mujics Anwältin hat nun bei den Behörden eine Petition eingereicht, um doch noch ein Bleiberecht zu erwirken. Falls es in Deutschland nicht klappen sollte, will Mujic nicht aufgeben und sich ein anderes Land suchen.